|
KONFERENZ EUROPÄISCHER KIRCHEN
KOMMISSION FÜR KIRCHE UND GESELLSCHAFT
Arbeitsgruppe über den europäischen Integrationsprozess
Kirchen im Prozess der Europäischen Integration
Copyright: Conference of European Churches
Vorwort
Eine der Hauptaufgaben der Kommission für Kirche und Gesellschaft der Konferenz
Europäischer Kirchen (KEK) besteht darin, die Arbeit der europäischen Institutionen zu
beobachten und den 127 Mitgliedskirchen der KEK dabei zu helfen, sich bei für die Kirchen
wichtigen Themen zu Wort zu melden und sich an der Diskussion zu beteiligen. Eine
Arbeitsgruppe, die sich im besonderen mit Fragen des europäischen Integrationsprozesses
befasst, hat sich die Aufgabe vorgenommen, über die Ziele und Bedeutung der europäischen
Integration nachzudenken. Dabei wird auch der Frage nachgegangen, welche spezifischen
Beiträge christliche Kirchen zu diesem Prozess leisten können. Das vorliegende Dokument
ist ein erstes Resultat. Es soll dazu dienen, den Mitgliedskirchen zu helfen, Fragen der
europäischen Integration unter sich und mit den in den europäischen Institutionen Tätigen zu
erörtern.
Es ist das erste Mal, dass kirchliche Vertreterinnen und Vertreter aus allen Teilen Europas
diesen Fragen nachgehen. Bisherige Dokumente, wie z.B. von der Europäischen
Ökumenischen Kommission für Kirche und Gesellschaft von 1997 (1), waren geprägt von
westeuropäischen Erfahrungen und Ideen. Das vorliegende Dokument kann als ein
gesamteuropäischer Beitrag verstanden werden. Darin unterscheidet es sich (in einigen
Teilen) von früheren Texten und darin liegt sein besonderer Wert. Ich frage mich, ob nicht
auch die Europäische Union, gemeinsam mit den Staaten von Zentral- und Osteuropa, ein
ähnliches Projekt in Angriff nehmen sollte.
Der vorliegende Text nimmt verschiedene Diskussionen auf, zum einen diejenigen innerhalb
der Arbeitsgruppe, zum anderen aber auch Gespräche mit Vertretern der Europäischen
Union, wie sie in von der Kommission für Kirche und Gesellschaft mit der COMECE und
der Gruppe für Prospektive Analysen organisierten formellen Gesprächsrunden geführt
wurden, aber auch im Rahmen informeller Kontakte mit Parlamentariern und
Parlamentarierinnen und Zivilen Angestellten. Schließlich wird auch die Diskussion des
Studientages, der auf den Treffen des Zentralkomitees der KEK im Oktober 2000 abgehalten
wurde, aufgenommen. (2)
In der Debatte wurde u.a. der Gebrauch der Begriffe „Integration"(Integration) und
„Einigung" (Unification) verhandelt. Das hatte Bedeutung für die Wahl des Titels des
Papieres. Einige argumentierten, dass der Begriff „Integration" eine weitere und weniger
festgelegte Bedeutung habe, die einer weiteren Debatte Raum ließe, während „Einigung"
sehr spezielle und konkrete Ziele impliziere. Man war der Meinung, dass „Integration" ein
offenerer Begriff sei als „Einigung". Am Ende entschied sich das Exekutivkomitee der
Kommission für den Begriff „Integration".
Das Dokument will kein abschließendes Wort sein. Es soll den Mitgliedskirchen der KEK
und anderen Kirchen vielmehr helfen, über Sinn und Zweck (purpose and goal) der
europäischen Integration nach zu denken. Das ist insbesondere im Zuge der Debatte wichtig,
die der Europäische Rat im Dezember 2000 in Nizza zum Thema der Zukunft der
Europäischen Union initiiert hat. Diese Debatte erfordert ein genaues Nachdenken und die
gesamte Gesellschaft ist aufgefordert, daran teil zu nehmen. Hier haben auch die Kirchen
einen klaren Auftrag und ich hoffe, dass dieser Text und der Bericht der Studientage des
Zentralkomitees den Mitgliedskirchen der KEK hilft, sich an der Debatte zu beteiligen. Die
Kommission für Kirche und Gesellschaft wird sich bemühen, die Ergebnisse der Diskussion
in die weiteren Gespräche z.B. auf zukünftigen Treffen mit der Europäischen Kommission
einzubringen.
Diese öffentliche Debatte wird voraussichtlich bis zum Jahr 2004, dem Jahr der nächsten
Regierungskonferenz, geführt. Die Kirchen haben also Zeit, sich in die Debatte ein zu
bringen. Allerdings wird die Debatte sich mehr und mehr zuspitzen, so dass Beiträge zu den
Zielvorstellungen (aims and goals) einer europäischen Integration - das Herzstück der
Debatte - ein größeres Gewicht erlangen, je früher sie eingebracht werden.
Fragen, die in den Mitgliedskirchen der KEK und in anderen Kirchen verhandelt werden
sollten, sind z.B. diese:
- Welche Hoffnungen und welche Ängste haben die Menschen in Ihren Kirchen oder
Organisationen in Bezug auf die Zukunft der Europäischen Union und die Mitgliedschaft
Ihres Landes?
- Welche Möglichkeiten eröffnet die Europäische Union Ihrem Land, und mit welchen
Problemen wird Ihr Land konfrontiert?
- Welche Auswirkungen wird eine Erweiterung der Europäischen Union auf Ihr Land haben
(ist Ihr Land Mitglied, oder will es werden, oder nicht)?
- Beobachten und Untersuchen Sie in Ihrer Kirche oder Organisation diese Hoffnungen und
Ängste, Möglichkeiten und Probleme, und wenn ja, wie?
Ich möchte die Mitgliedskirchen der KEK und auch andere Kirchen, die diesen Text lesen,
ermuntern, der Kommission für Kirche und Gesellschaft möglichst bald ihre Stellungnahmen
zukommen zu lassen. Die Arbeitsgruppe wird im Herbst 2001 wieder zusammen kommen. Es
wäre daher hilfreich, wenn Rückmeldungen bis Ende Oktober 2001 eingingen.
Keith Jenkins
Assoziierter Generalsekretär der KEK und
Direktor der Kommission für Kirche und Gesellschaft der Konferenz Europäischer Kirchen
-
Einführung
Der Prozess der europäischen Integration hat einen hohen Stellenwert im politischen Leben
Europas. Der politische und soziale Wandel Europas seit Anfang der 90er Jahre des letzten
Jahrhunderts hat eine große Debatte über Europa im Allgemeinen und die Europäische Union
im Speziellen in Gang gesetzt, in der nicht nur die treibenden Kräfte und die Werte Europas,
sein Zusammenhalt und seine Fähigkeit, eine wahre europäische Gemeinschaft aufzubauen,
verhandelt werden, sondern auch die Rolle und Verantwortung Europas im globalen Kontext.
Die letzten Jahre haben diesen Diskussionsprozess beschleunigt. Die neue Europäische
Kommission, die im Sommer 1999 ihre Arbeit aufnahm, setzte die europäische Integration
und die EU-Erweiterung ganz oben auf die Tagesordnung. Wegen der Beschleunigung der
Verhandlungen wird inzwischen eine Aufnahme von Beitrittskandidaten in die Europäische
Union innerhalb kürzester Zeit erwartet. Ihrer Strategie für den Zeitraum 2000-2005 zu folge
will die Europäische Kommission Ende 2002 bereit sein, neue Mitglieder aufzunehmen, dies
ließ sie kurz nach ihrem Amtsantritt verlauten.
Im November 2000 hat die Europäische Kommission im Zusammenhang mit der
Beschleunigung der Beitrittsverfahren eine neue Strategie angekündigt, die den Prozess
anbindet an eine Evaluierung der Situation in jedem Kandidatenland. (3) Dieses
Strategiepapier war wesentlich präziser als vorherige Texte zur Erweiterung der
Europäischen Union. Das Vorgehen für die nächste Phase der Verhandlungen wird in diesem
Dokument beschrieben. (4) Der Gipfel in Nizza im Dezember 2000 brachte neue
Gesichtspunkte für die Debatte über die Zukunft Europas. Der Gipfel beschloss einen neuen
Vertrag für die Europäische Union, der notwendige Änderungen für die inneren und
institutionellen Strukturen der Europäischen Union vorsieht, damit der Beitrittsprozess der
neuen Mitgliedstaaten fortgeführt werden kann. (5) In dieser Hinsicht hat der Gipfel in die
richtige Richtung gearbeitet. Es ist jedoch noch nicht sicher, ob das für einen erfolgreichen
Abschluss der Beitrittsverhandlungen ausreichen wird. In Nizza haben die höchsten
Entscheidungsträger der Europäischen Union zum ersten Mal ein präziseres Datum für die
ersten Beitritte ins Auge gefasst. (6) Zur gleichen Zeit hat der Gipfel eine Erklärung zur
„Zukunft Europas" abgegeben. Während also einerseits der Vertrag von Nizza den Weg zur
Aufnahme neuer Mitgliedstaaten eröffnet, ruft die Deklaration andererseits zu einer tiefer
gehenden und breiter angelegten Debatte über die Zukunft Europas auf.
Die europäische Integration ist ein komplexer Prozess, der Probleme und Schwierigkeiten
bewältigen muss. Zusätzlich zu administrativen und technischen Problemen, die die
Arbeitsweise der relevanten Institutionen und die Machtverteilung und
Entscheidungskompetenz betreffen, gibt es außerdem Probleme, die die Grundlagen der
Union selber angehen. Es wurde vielfach festgestellt, dass ein gemeinsames Europa mehr ist
als ein gemeinsamer Markt. Es wurde bemerkt, dass die Europäische Union auch einen Ort
für die geistigen und ethischen Aspekte einer europäischen Konstruktion finden muss, wenn
der Prozess der europäischen Integration erfolgreich verlaufen soll. (7) Ebenso wurde
festgestellt, dass die Europäische Union für sich und mit den anderen europäischen Staaten
eine gemeinsame Strategie für die Zukunft und ein klares Ziel entwickeln muss. Solch eine
Zielvorstellung sollte allen europäischen Bürgerinnen und Bürgern in einer Weise Hoffnung
machen, dass die verschiedenen kulturellen, ethischen und religiösen Traditionen einen Platz
auf diesem Kontinent finden werden.
Diese neue Situation der europäischen Integration, seine Möglichkeiten und seine
offensichtlichen Schwierigkeiten, sollten auch von den Kirchen bedacht werden. Der Prozess
der europäischen Integration ist ein wichtiger Schwerpunkt der Arbeit der Kommission für
Kirche und Gesellschaft der Konferenz Europäischer Kirchen. Die Kommission hat eine
Arbeitsgruppe zum Integrationsprozess der Europäischen Union eingesetzt, die den Prozess
beobachten und die helfen soll, die Rolle der Kirchen in diesem Prozess zu klären. Mit der
Veröffentlichung dieses Papiers möchte die Arbeitsgruppe die innerkirchliche Begleitung der
europäischen Integration weiter führen.> (8) Wir respektieren die kirchliche Vielfalt in Europa
und die vielfältigen Meinungen der Kirchen zu einigen besonderen Aspekten der Integration,
möchten die christlichen Kirchen aber dennoch zu einer positiven Haltung gegenüber diesem
Integrationsprozess ermuntern. Gleichzeitig möchten wir aber auch auf einige Probleme
aufmerksam machen, die in letzter Zeit offenkundig geworden sind. Dieses Papier soll ein
positiver Beitrag zur Bewältigung der Probleme sein und ein Beitrag auf der Suche nach
einer gesamteuropäischen Identität und gemeinsamen Werten auf diesem Kontinent.
-
Herausforderungen im europäischen Einigungsprozess
2.1 Rückgang der Akzeptanz einer Erweiterung der Europäischen Union in der
Bevölkerung
Die Initiierung einer bisher beispiellosen Erweiterung der Europäischen Union um 13
Kandidatenländer ist ein ambitioniertes Projekt. Dieser Prozess kann in Umfang und
Zielsetzung mit keiner vorhergehenden Erweiterung verglichen werden. Mit diesem
Vorhaben erwartet die Europäische Union eine substantielle Vergrößerung ihres Gebietes,
beinahe eine Verdopplung der Zahl der Mitgliedsländer und ein Anstieg der Zahl der
Bürgerinnen und Bürger der Mitgliedstaaten um ein Drittel. Dieses ambitionierte Projekt hat
aber auch einen tieferen Einblick in die wahren Grundlagen der Union verschafft. Der
gegenwärtige Prozess der EU-Erweiterung ist begleitet von der dringenden Notwendigkeit,
die fundamentalen Fragen nach dem Kern der Union selber zu klären und zu bestimmen, was
die Union ist und was sie sein soll. Die Entwicklungen der letzten zehn Jahre haben gezeigt,
dass Europa auf dem Weg zu einer bestimmten Art von Einheit ist. Die Erweiterung ist nur
ein Teil größerer Veränderungen. Weil nun weder die genauen Ziele, noch wesentlichen
Elemente der Art und Weise, wie dieser Weg zu gehen ist, klar formuliert sind, gibt es eine
Anzahl von Nebeneffekten. Die Schwierigkeiten des Einigungsprozesses wurden beim
jüngsten Referendum in Dänemark offenbar. Das Referendum sollte die Akzeptanz der
gemeinsamen europäischen Währung klären. Tatsächlich aber ging das Referendum weit
über diese Frage hinaus. Der negative Ausgang des Referendums kann nicht nur als eine
Ablehnung der gemeinsamen europäischen Währung oder als eine Ablehnung der Idee einer
europäischen Integration durch die Mehrheit der dänischen Bevölkerung verstanden werden.
Das Ergebnis muss vielmehr verstanden werden als eine Ablehnung des Prozesses der
Integration, wie er bisher verfolgt wurde, durch die Mehrzahl der dänischen Bürgerinnen und
Bürger.
Ein ähnliches Signal geben die in allen Ländern der Europäischen Union regelmäßig
durchgeführten Meinungsumfragen, die auch nach der bevorstehenden Erweiterung der
Europäischen Union fragen. Nach den jüngsten Umfragen liegt die Akzeptanz einer
Erweiterung der Europäischen Union in den derzeitigen Mitgliedstaaten bei nur 38%, wobei
natürlich regionale Unterschiede bedacht werden müssen. (9) Aber viel alarmierender als diese
Zahl ist die Gesamtentwicklung hin zu einer abnehmenden öffentlichen Unterstützung der
EU-Erweiterung. Noch ein Jahr zuvor standen 43% der Befragten einer Erweiterung positiv
gegenüber. (10)
Bei verschiedenen Anlässen zeigte sich eine bezüglich des Prozesses der europäischen
Integration sich öffnende Schere zwischen einer steigenden Erwartung von greifbaren
Ergebnissen auf der einen Seite und Ungeduld auf der anderen, die aus der Art und Weise des
derzeitigen Erweiterungsverfahren resultiert. Als Ergebnis dieses konfusen Bildes von der
Europäischen Union, ihres Charakters und ihrer Motivation, entwickelte sich vor allem in der
Bevölkerung der Kandidatenländer ein weitverbreitetes Bild, das die Europäische Union fast
ausschließlich im Lichte eines prosperierenden Materialismus wahrnimmt. Steigende
Desillusionierung ist daher nicht nur die Ursache für eine abnehmende öffentliche Akzeptanz
der EU-Erweiterung, sondern auch für eine ansteigende Radikalisierung innerhalb der
Gesellschaft. (11)
2.2 Reichweite und Charakter des Integrationsprozesses
Inzwischen wird sowohl öffentlich, als auch von Experten eine breite Diskussion über den
Endzweck der Erweiterung, die Werte, die ihm zugrunde liegen, und die verschiedenen
möglichen Wege, die sie nehmen kann, als eine notwendige Vorausbedingung für weitere
Schritte im europäischen Integrationsprozess gesehen. Solch eine Diskussion sollte aber auch
weitere Länder einbeziehen als nur die EU-Mitgliedstaaten und die Kandidatenländer. Es ist
offensichtlich, dass eine Erweiterung der Europäischen Union nicht nur für die direkt
betroffenen Länder von Bedeutung ist, sondern für den gesamten Kontinent. Im Hinblick
sowohl auf die humanen und ethischen Dimensionen, als auch auf die ökonomischen und
politischen Dimensionen muss man vielleicht besser von einem Prozess der Einigung
Europas sprechen. (12)Gleichzeitig muss auch beachtet werden, dass sich der europäische
Integrationsprozess nicht unabhängig vom Rest der Welt vollzieht. Die Rolle Europas als ein
„Global Player", der am Prozess der Globalisierung teilhat, muss anerkannt werden. Die
europäische Integration und die Globalisierung sind Themen, die nicht völlig unabhängig
voneinander behandelt werden können.
Der Prozess der europäischen Einigung ist sicherlich ein komplexes Vorhaben. Zumindest
zwei wesentliche Züge können ausgemacht werden. Auf der einen Seite geht mit ihr einher
die Ausweitung des Raumes von Freiheit, Demokratie und Wohlstand, auf der anderen Seite
muss der reichen kulturellen, ethnischen und spirituellen Vielfalt eine mindestens ebenso
große Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die Europäische Union muss ihren Weg in der
Spannung zwischen diesen beiden Seiten des Integrationsprozesses finden. Die Europäische
Union sollte sich selbst „europäisieren". Das bedeutet, dass die Europäische Union, mehr als
sie es bisher getan hat, die Elemente in sich integrieren sollte, die genuin „europäisch" sind
und nicht nur charakteristisch für einen Teil des Kontinents. Wenn sie das nicht tut, wird es
in Zukunft immer weniger Grund dafür geben, von „europäischer" Union zu sprechen. Diese
Integration sollte jedoch nicht auf Kosten der Vielfalt gehen. In diesem Sinne muss die
Europäische Union ein werteorientiertes Konzept finden, das als Grundlage für die Schaffung
einer echten europäischen Gemeinschaft dient. Die Spannung zwischen dem Allgemeinen,
Verständlichen und Generellen auf der einen und dem Besonderen, Regionalen und
Nationalen auf der anderen Seite muss nicht notwendig kontraproduktiv sein.
Die Kirchen begrüßen die Vorhaben, wie sie in dem Strategiepapier der Kommission unter
dem gut gewählten Titel „Shaping a new Europe" ausgeführt sind. Sie unterstützen die
grundlegenden Aussagen darüber, dass es nötig ist, die Bürgerinnen und Bürger verstärkt in
den gegenseitigen Dialog einzubeziehen, und dass verstärkt eine werteorientierte Diskussion
über die verschiedenen Facetten des europäischen Integrationsprozesses geführt werden
sollte. Ebenso wird die Initiative der europäischen Kommission, ein neues Weißbuch zur
europäischen „Governance" zu erstellen und es zur Grundlage einer Diskussion der
Bürgerinnen und Bürger über europäische Werte, Themen und Entscheidungsprozesse zu
machen, begrüßt. Sie entsprechen der Linie des Strategiepapiers. Schließlich unterstützen wir
auch die Intention der belgischen Präsidentschaft der Europäischen Union (Juli-Dezember
2001), eine Debatte über endgültige Gestalt („finality") und die Ziele der Union anzustoßen.
Diese Diskussion muss allerdings offen sein, ernst gemeint und so breit angelegt, wie
möglich. Sie muss alle Teile der Gesellschaft einbeziehen und in alle Teile des Kontinents
gestreut werden. Nur auf der Grundlage einer derartigen Debatte kann das Projekt der
europäischen Einigung erfolgreich sein.
2.3 Herausforderungen europäischer Politik
2.3.1 Fehlende Transparenz des Verhandlungsprozesses
>In jüngster Zeit bestätigen mehrere Signale die bekannte Tatsache, dass die europäische
Gesellschaft unter dem Mangel einer öffentlichen Debatte und angemessener Information
über den Erweiterungsprozess, über seine Quelle und Inspiration und auch über sein
endgültiges Ziel und seine Konsequenzen, leidet. Das wurde sowohl in den Mitgliedstaaten,
als auch in den Kandidatenländern gespürt. Lange Zeit war die Erweiterung und der
europäische Integrationsprozess eine Angelegenheit, die Politikern, Experten und einigen
involvierten Aktivisten vorbehalten war. Dieses „Defizit an Demokratie", das schon als
negatives Charakteristikum der europäischen Institution als Ganzes empfunden wurde,
machte sich nun auch im Beitrittsprozess neuer Staaten bemerkbar. Die europäische
Kommission muss nun die zusätzliche Aufgabe bewältigen, der Öffentlichkeit die
komplizierte Fakten- und Themenlage zu erläutern und sie „einzubeziehen". Die europäische
Kommission ist nun mit der Aufgabe konfrontiert, wie eine „open-door"-Politik zu betreiben
ist. In den letzten Monaten veröffentlichte das „Enlargement Directorate General of the
European Commission" eine neue Kommunikationsstrategie bezüglich der EU-Erweiterung.
Diese Initiative erkannte an, dass es ein ernst zu nehmendes Defizit an Informationen über
den Prozess der Erweiterung, seinen Charakter, seine Fortschritte und seine Ziele, in der
Öffentlichkeit gibt. Der letzte Fortschrittsbericht der Europäischen Kommission schrieb:
„Eine Erweiterung kann nur dann erfolgreich sein, wenn es ein soziales Projekt ist, das alle
Bürgerinnen und Bürger und nicht nur eine Elite einbezieht. Nur eine wirkliche Partizipation
kann das erreichen. Information allein reicht nicht aus. Deshalb müssen wir einen
weitreichenden Dialog in unserer Gesellschaft in Gang setzen, um den Menschen die Risiken
und die Vorteile deutlich zu machen, und sie wissen zu lassen, dass ihre Bedenken ernst
genommen werden." (13)
Das unterstützen wir. Die europäische Integration ist eine Sache, die alle Menschen in
Europa angeht, und nicht nur die Verhandlungsführer, involvierte Journalisten und ein paar
interessierte Individuen. Obwohl die Erfüllung der Kriterien für eine Aufnahme eine höchst
technokratische Angelegenheit ist, und obwohl es weder möglich, noch wünschenswert ist,
dass alle Einzelheiten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, muss ein Weg
gefunden werden, die Öffentlichkeit stärker einzubinden.
2.3.2 Freizügigkeit (Migration)
Neben der Freizügigkeit für Waren, Dienstleistungen und Kapital ist der freie
Personenverkehr eine tragende Säule, auf der die Entwicklung der EU-Strukturen aufbaut.
Der freie Personenverkehr wird allen EU-Bürgern garantiert. Die Erweiterung der EU um
neue Länder, hauptsächlich aus Mittel- und Osteuropa (MOE), ruft häufig Ängste hervor. Die Ankunft von billigen Arbeitskräften, Einwanderungswellen von Ost nach West, die
Gefährdung der sozialen Systeme einiger EU-Staaten, all das sind häufig Themen von
Debatten und unterschiedlichen Stellungnahmen. Diese Befürchtungen gründen sich jedoch
nicht auf realistische Annahmen, was verschiedene Studien auch belegen. (14) So wird auch
von offizieller Seite bestätigt, dass "nach der dramatischen Phase, als die Grenzen geöffnet
wurden, sich die Migrationswelle stabilisiert hat... Auch nach Erlangen der vollen EU-Mitgliedschaft wird die Nachfrage nach billiger Arbeitskraft für einige Zeit weitergehen,
doch die Handelstouristen aus den Kandidatenländern werden bald eine bedrohte Art sein
und die Abwägung von Kosten und Nutzen einer Auswanderung wird zugunsten des
Verbleibs im Heimatland entschieden." (15)
Wirtschaftsdaten der betroffenen EU-Grenzregionen deuten darauf hin, dass der Effekt genau
entgegengesetzt sein wird. Die Schlüsselfrage ist nicht, wie groß die Migrationswellen sein
werden, sondern das Ausmaß, in welchem restriktive Maßnahmen von Seiten der EU diese
Migranten in unerlaubte Kanäle lenken, was mit hohen politisch-ökonomischen, sozialen und
individuellen menschlichen Kosten verbunden ist. (16) Trotz der Evidenz dieser Tatsachen hat
diese Argumentation keine spürbare Unterstützung durch EU-Entscheidungsträger gefunden.
Oft spielen diese ein politisches Spiel und reden über "Angst vor Ausländern". In
Westeuropa wird Einwanderung als ein großes Problem wahrgenommen. Die
Aufmerksamkeit, mit welcher einige Politiker und Medien in manchen EU Ländern das
Thema behandeln, ist oft größer als die realen Migrationsbewegungen.
Es gibt jedoch einen sehr viel grundlegenderen Aspekt in Bezug auf Migrationsbewegungen
als nur die "Angst vor Leuten aus dem Osten" in einigen politischen Kreisen. Europa hat eine
lange Tradition im Umgang mit verschiedenen Migrationsbewegungen, von Asylsuchenden
bis zu Saisonarbeiter/innen. Trotzdem gibt es seit kurzer Zeit eine grundlegend negativere
Einstellung in bezug auf Migranten in einigen europäischen Ländern. Migration wird als ein
ernstes Problem besonders im Blick auf zukünftige Erwartungen in Europa angesehen.
Angesichts dieser Entwicklungen sollten die EU und die europäischen Staaten nicht nur die
negativen Aspekte von Migration und den Einfluss, den Migration auf die soziale und
finanzielle Kapazität ihrer Volkswirtschaft hat, berücksichtigen, sondern auch positive
Aspekte honorieren. 'Unterwegs zu sein' gehört zu den natürlichen Phänomenen des
Menschseins. Migranten und Asylanten dürfen nicht als Bürgerinnen und Bürger zweiter
Klasse im zukünftigen Europa behandelt werden. Der Inhalt der aktuellen EU-Charta der
Menschenrechte eröffnet in dieser Hinsicht substantielles Material für zukünftige
Verbesserungen.
2.3.3 Menschliche und soziale Kosten des Integrationsprozesses
Der europäische Integrationsprozess hat neben seiner unzweifelhaft positiven Dimension
einige Nebeneffekte. Neben dem europäischen Einigungsprozess gibt es parallel den Prozess,
neue Trennlinien zu ziehen. Hohe Erwartungen werden oft mit der harten Realität
konfrontiert. Die Beitrittskandidaten müssen ernste Schwierigkeiten überwinden, um den
erforderlichen Kriterien zu entsprechen. Die neue EU-Strategie für die Erweiterung stellte
fest, dass die am weitesten fortgeschrittenen Kandidatenländer bereits funktionierende
Marktwirtschaften haben und bereit sind, dem Druck eines freien EU-Marktes zu
widerstehen. Auf der anderen Seite müssen die hohen menschlichen und sozialen Kosten des
Prozesses mit in die Überlegungen einbezogen werden. Besonderes Augenmerk sollte auf die
regionalen Unterschiede in einigen Ländern gerichtet werden. In manchen Regionen ist die
Arbeitslosigkeit auf 40% gestiegen und unter einigen Minderheiten (z.B. Roma) bis zu 80-90%. Die schnelle Transformation der Volkswirtschaften der Beitrittskandidaten hat auch
andere negative Konsequenzen wie eine größer werdende Ungleichheit in Einkommen und
Wohlstand, einen gravierenden Anstieg der Armut oder eine Abnahme wirtschaftlicher
Stabilität. Eine andere soziale Gruppe in den Beitrittsländern, die speziell durch die
Erweiterung leiden, sind alte und behinderte Menschen, die ausnahmslos von staatlicher
Unterstützung leben. Angesichts dieser Tatsachen muss eine ernste Frage gestellt werden:
was sind die erträglichen menschlichen und sozialen Kosten des gesamtes Prozesses? Diese
Frage sollte nicht nur den nationalen Regierungen, sondern auch den entsprechenden
europäischen Institutionen gestellt werden. Nur durch solche Überlegungen und daraus
resultierendes Handeln kann die Glaubwürdigkeit des Prozesses aufrechterhalten werden,
welches die grundlegende Basis für den zukünftigen Erfolg ist.
Besondere Aufmerksamkeit sollte der Transformation der Landwirtschaft im
Erweiterungsprozess gewidmet werden. Dies gilt für den Umgang mit den betreffenden
Kapiteln des acquis communautaire als auch für den Umgang mit Informationen für die
Gesellschaft über diese Sachverhalte. Auch in bezug auf die Landwirtschaft gibt es regional
unterschiedliche Wertvorstellungen in Europa. So wird Landwirtschaft nicht immer
ausschließlich auf Effizienz und Produktivität und als wichtiger Teil der Nahrungskette
wahrgenommen. Landwirtschaft und Landbevölkerung erweisen sich als wichtiger und
prägender Wert verbunden mit einem sehr spezifischen Lebensstil. Probleme in der
Diskussion um die Standards der Landwirtschaftspolitik in der EU existieren und wurden
kürzlich durch die wahrscheinlich infolge intensiver Landwirtschaft hervorgerufenen
Tierseuchen verstärkt. Standards festzulegen wird noch schwieriger, wenn Regionen mit
einbezogen werden, die diese strikten Regeln nicht gewohnt sind. In einigen Beitrittsländern
ist weiterhin ein großer Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Die sozialen
Konsequenzen des Wandlungsprozesses in diesem speziellen Sektor müssen mit besonderer
Aufmerksamkeit angegangen werden. Die Transformation der Landwirtschaft ist ein Prozess,
der auch in Westeuropa viel Zeit und Anstrengungen gekostet hat. Das was in Westeuropa
viele Jahre gebraucht hat, soll in Beitrittsländern in viel kürzerer Zeit geschehen. Die Folgen
werden drastische Veränderungen in der sozialen Struktur der ländlichen Gemeinden sein.
Diejenigen, die ihren Arbeitsplatz in diesem Bereich verlieren, werden in die Städte gehen
und dort auf Armut und sozialen Ausschluss stoßen.
2.3.4 Zukünftige Grenzen der EU, Beziehungen zu den Anrainern
Der momentane Erweiterungsprozess ist nicht einfach irgendeine Episode in der Geschichte
der EU. Sowohl die Anzahl der Kandidaten, als auch der qualitative Aspekt durch die
Aufnahme von Ländern, die lange hinter dem eisernen Vorhang waren, beide Tatsachen
machen deutlich, dass es sich jetzt um einen Zeitpunkt handelt, in welchem die zukünftige
Form und die Möglichkeiten der EU maßgeblich bestimmt werden. Angesichts dieser
Tatsachen sind Fragen zu der zukünftigen Perspektive der EU selbstverständlich. Wo sind
ihre Grenzen im bezug auf die Geographie, die innere Konstitution und den politischen
Willen? Wie wird sich die EU nach der Erweiterung entwickeln? Die Frage nach den
zukünftigen Grenzen der EU mit ihren Nachbarn ist von großer Wichtigkeit. Die EU sollte
alles tun um eine Art neuen und „weichen" eisernen Vorhang an ihren Ostgrenzen zu
verhindern. Die negativen Effekte einer Einführung der Visapflicht in den Grenzregionen der
zukünftigen EU Mitgliedstaaten tragen dazu bei, die sozialen Probleme zu verstärken und das
Ansehen der EU zu belasten, da sie als Ursache für die zunehmenden Probleme angesehen
wird. Neben einer angemessenen Berücksichtigung dieser Probleme sollte die EU jetzt schon
mit ihren zukünftigen Nachbarn in einen Dialog über eine gemeinsame Vision des
zukünftigen Europas treten, die nicht nur die EU sondern auch andere europäische Länder
einschließt.
-
Spirituelle und ethische Dimensionen
3.1 Was vereint Europa?
Die europäischen Gemeinschaften haben sich in den letzten fünfzig Jahren grundlegend
verändert. Ausgehend von einer einfachen Rahmenregelung für wirtschaftliche Kooperation,
gegründet auf einem Konzept zur Versöhnung nach dem Krieg, ist Europa heute an einem
Punkt angekommen, an dem Fragen nach seiner Substanz neu gestellt und mit erneuerter
Intensität beantwortet werden müssen. Die bipolare Teilung des Kontinents gehört der
Vergangenheit an und so sucht die EU eine neue Rolle auf einem Kontinent, der im Begriff
ist, die Kooperation zu intensivieren und sich zu vereinigen. Wofür steht also heute die EU?
Ist es eine Wertegemeinschaft? Oder nur ein sich ausbreitender gemeinsamer Markt? Ein
Klub der Reichen? Ist die EU nur eine neue Episode in der Geschichte der europäischen
Machtpolitik? Das nächste Weltreich? Welche Kraft wird Menschen mit unterschiedlicher
Volkszugehörigkeit, kulturellem, sozialem und religiösem Hintergrund in einer erweiterten
EU zusammenhalten? Die Erweiterung ist nicht nur ein Wunsch der Kandidatenländer; sie
wird auch von den jetzigen Mitgliedstaaten als vitales Interesse angesehen, um den
Wirtschaftsraum zu erweitern. Warum ist also der Erweiterungsprozess wichtig? Die
Antworten sind von grundlegender Bedeutung für jede weitere Entwicklung des Kontinents.
Die EU hat ein Stadium erreicht, in welchem auf die Geschichte zurückgeblickt werden
sollte, um der Gegenwart zu begegnen, getragen von den Gründungsprinzipien der
Versöhnung und dem ursprünglichen Geist, aus dem heraus die Union gebildet wurde. Die
Ideen und Visionen der Gründerväter dessen, was jetzt die EU ist - Schumann, Monnet und
Adenauer - sollten in der gegenwärtigen Situation präsenter sein. Die EU braucht gerade jetzt
eine klare Begründung ihrer Grundlagen und Ziele, um eine Gemeinschaft zu werden.
Gegenwärtige Erfahrungen in der EU deuten darauf hin, dass diejenigen, die die Macht haben
und die Entscheidungen treffen, sich nicht wirklich für die noch ausgeschlossenen Teile
Europas und ihre kulturellen Besonderheiten interessieren. Ihre Beweggründe sind sehr
pragmatisch. Deswegen sollte schnellstmöglich danach gefragt werden, was Europa eint. Ist
der Markt die wichtigste oder gar die einzige treibende Kraft? Gerade an dieser Stelle haben
die Kirchen die Möglichkeit, Stellung zu beziehen. Die Position der Kirchen kann in den
Worten des jüngst veröffentlichten Berichts des Schweizerischen Evangelischen
Kirchenbundes formuliert werden: „Die europäische Einigung ist nicht in erster Linie ein
wirtschaftliches Unternehmen; Wirtschaft ist nur ein Aspekt des Projektes. Die Entwicklung
wirtschaftlichen Fortschritts ist genauso ein Weg zu mehr Frieden und Gerechtigkeit, wie es
ein Ergebnis der enger und friedlicher werdenden Beziehungen zwischen den Völkern ist". (17)
Diese Perspektive ist sicherlich eine Möglichkeit, dem momentanen Skeptizismus im bezug
auf die europäische Integration zu begegnen, indem man klar macht, dass es nicht darum
gehen kann, eine „Festung Westeuropa" aufzubauen, sondern für das Wohl des gesamten
Kontinents zu arbeiten.
3.2 Braucht Europa ein Bekenntnis zu Werten?
Der Prozess der europäischen Integration ist ein komplexes Unternehmen. Die Öffnung von
Grenzen zwischen Staaten, um den freien Verkehr von Personen zu ermöglichen, wird zu
intensiven Kontakten zwischen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Erfahrungen
und Traditionen führen. Jedoch darf die Entwicklung eines gemeinsamen Europas nicht nur
zu einer Diskussion über technisch-administrative Fragen führen. Schon früh wurde die
Europäische Kommission auf diese Tatsache aufmerksam. Die Notwendigkeit, der sich
entwickelnden Gemeinschaft eine Richtung und ein Ziel zu geben, als sie sich über den
gemeinsamen Markt hinaus auf eine politische Union zu bewegte, nannte Jacques Delors
"Europa eine Seele geben". (18) Dies gehört zu dem Ethos, das die europäischen Institutionen
für viele Jahre umgab. Momentan muss jedoch viel mehr in Betracht gezogen werden. Die
Kirchen nehmen dies wahr und äußern zu verschiedenen Anlässen diesbezüglich ihre
Position. Das aktuellste Dokument hierzu kommt aus Rumänien und wurde von allen
christlichen Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften im Land unterzeichnet: „Der
Prozess der europäischen Entwicklung kann nur vollständig sein, wenn die wirtschaftliche
Dimension durch eine spirituelle Dimension ergänzt wird". (19) Ethische und spirituelle
Dimensionen einer zukünftigen europäischen Entwicklung sind unvermeidbare
Anforderungen, wenn der Prozess der Integration erfolgreich sein will. Dies bedeutet auch,
dass diejenigen, die politische Verantwortung für das zukünftige Erscheinungsbild des
Kontinents tragen, in angemessener Weise die Rolle der Kirchen, der
Religionsgemeinschaften und anderer werteorientierter Gruppen und Institutionen
berücksichtigen müssen.
acquis communautaire sind. Schon oft wurde darauf hingewiesen, dass Vielfalt ein
substantielles Element europäischer Identität sei. Wie konkret wird die „Vielfalt an Nationen,
Kulturen und Werten" in der zukünftigen Union verwirklicht und respektiert? Hier schließt
sich die Grundfrage der Debatte an: Ist kulturelle Vielfalt eine Bedrohung für die Einheit
oder ein positiver Beitrag? Und wie kann eine gemeinsame europäische Identität auf der
Basis dieser Vielfalt entwickelt werden? Diesbezüglich gab es einen gewissen Enthusiasmus
Anfang der 90er Jahre. Jetzt scheint das Thema seine Bedeutung verloren zu haben.
Verwaltungstechnische Arbeiten voller Details, die nötig sind, um funktionierende EU-Institutionen zu schaffen, haben die ursprünglichen Motive überlagert. Begleitet von
Misstrauen und oft von Missverständnissen hat dies eine zunehmende Lethargie in bezug auf
den Fortschritt des europäischen Projektes verursacht. In einer solchen Atmosphäre gehen die
technischen Diskussionen zum Beitritt neuer Kandidaten weiter; in manchen Bereichen auch
mit bemerkenswerten Fortschritten, aber die Vision des Ganzen droht sich aufzulösen. Vor
einigen Jahren initiierte die Europäische Kommission nicht nur eine Diskussion, sondern
sogar ein Projekt mit der Bezeichnung "Seele für Europa". Die Kommission arbeitete mit den
christlichen Kirchen und anderen religiösen Glaubensgemeinschaften zusammen, um mit
speziellen Methoden und konkreten Mitteln zu diesem Projekt und der Suche nach der "Seele
Europas" beizutragen. Solche Projekte sollten eine wichtige Rolle dabei spielen, wenn es
darum geht, eine Sinngebung für die Europäische Gemeinschaft zu entwickeln.
3.3 Zur Finalität der EU
Die zukünftige Ausgestaltung der EU und ihrer Rolle und Verantwortung auf dem
europäischen Kontinent sowie ihrer Beziehung zu anderen europäischen Staaten sind
Themen, die eng miteinander verbunden sind. Wie ist ein potentieller Kandidat für die EU-Mitgliedschaft zu bestimmen? Sind die anwendbaren Kriterien nur politisch und
wirtschaftlich, oder sind sie auch geographisch, sozial und kulturell zu begründen? Diese
Fragen sind nicht theoretisch. Sie haben Konsequenzen, die berücksichtigt werden müssen.
Wenn das Hauptziel der EU nur die Schaffung eines gemeinsamen Marktes ist, ist es nicht
nötig, die Anstrengungen eines Erweiterungsprozesses auf sich zu nehmen. Wenn das Ziel
jedoch ein komplexeres und wichtigeres ist, muss es präzise formuliert werden. Man muss
sich darüber klar sein, dass die EU nicht Europa ist. Die Schaffung eines gemeinsamen
Europas kann weder aus einer Ausweitung des westeuropäischen Lebensstils noch dem
Aufzwingen westeuropäischer Standards auf andere Teile des Kontinents bestehen. Das
Projekt der europäischen Einigung hat nur eine Chance, wenn der gegenseitige Dialog und
der Wille zum Lernen als grundlegende Methode anerkannt werden.
Berücksichtigt man diese grundlegende Tatsache, so ist das Ziel des aktuellen
Integrationsprozesses, welcher so deutlich von den EU-Institutionen unterstützt wird, klar zu
formulieren. (20) Ist das endgültige Ziel darin zu sehen, dass eine gewisse politische Einheit
mit der Bezeichnung EU versehen wird, oder soll eine bestimmte Idee einer europäischen
Gemeinschaft entwickelt werden? „Ökonomische und politische Einheit" und
„Gemeinschaft" sind zwei verschiedene Dinge, die nicht unbedingt identisch sein müssen.
Durch eine klare Formulierung des Ziels und der Kapazitäten, dies zu erreichen, würde die
EU ihre Schwierigkeiten in bezug auf ihre Daseinsberechtigung wie auch die anstehenden
Probleme mit den zukünftigen Nachbarn klären können.
3.4 Europäische Identität - europäische Gemeinschaft
Diskussionen über die Finalität der EU sind nicht die einzige fehlende Dimension in der
momentanen Phase des europäischen Integrationsprozesses. Spirituelle und ethische Aspekte
fehlen ebenfalls. Ein Aspekt, welcher zu diesem Bereich gehört, ist eine Debatte zu folgender
grundlegender Frage: Welches ist die Rolle gemeinschaftlicher Werte in Europa? Der
Prozess der Entwicklung eines gemeinsamen Europas ist sicherlich ein Prozess der
Entwicklung eines bestimmten Sinngehalts für die europäische Gemeinschaft. Eine wichtige
europäische Denkströmung in der Tradition der Aufklärung unterstützt grundsätzlich die
Rolle des Individuums als Grundeinheit der Gesellschaft, was sich auch in der Charta der
Grundrechte ausdrückt. Die wirkliche Gemeinschaft ist jedoch nicht einfach die Summe ihrer
Individuen, genauso, wie die wahre Union nicht nur die Summe ihrer Nationen ist. Im
Aufbau eines gemeinsamen Europas sollte viel mehr Aufmerksamkeit auf die Frage des
Zusammenhaltes der Gemeinschaft gerichtet werden. Die Wichtigkeit der
Gemeinschaftsbildung wurde in einem früheren Stadium der Entwicklung der europäischen
Strukturen berücksichtigt. Später verdrängte allerdings technisches und administratives
Arbeiten an den Institutionen und deren Funktionieren das ursprüngliche Ethos, auf dem die
ganze Entwicklung aufbaute. Dem wahren Wert von „Gemeinschaft" sollte im europäischen
Kontext noch einmal Bedeutung verliehen werden.
Ein natürlicher Aspekt des Gemeinschaftslebens ist Solidarität. Die Bedeutung von
Solidarität wird nach dem Beitritt der neuen Kandidaten aus Mittel- und Osteuropa
zunehmen. Gegenseitiges Verstehen und Solidarität, besonders aus der Perspektive der
jetzigen Mitgliedstaaten der EU, wird ein Eckstein für den Aufbau einer neuen EU sein. Ein
gefährlicher Aspekt für das politische Potential der Schaffung eines Europas der zwei
Geschwindigkeiten, ist die Schaffung neuer Trennlinien zwischen „erfolgreichen" und
„weniger erfolgreiche"' Staaten, zwischen solchen, in denen die Lebensstandards hoch sind,
und solchen, in denen sie niedrig sind. Solidarität muss also zum Thema für eine breit
geführte Debatte über Europa werden. Dies bedeutet ein Europa, in welchem nicht nur
europäische Institutionen, sondern auch eine wirkliche europäische Gemeinschaft entstehen
würden.
Gemeinschaftliches Leben, die Beziehung des Individuums zur Gemeinschaft und der Status
von beiden sind fundamentale europäische Themen. Der Ausgangspunkt dafür sollte eine
besondere Berücksichtigung der Familie als Grundeinheit in der Gesellschaft sein. Es gibt
krisenhafte Entwicklungen für das familiäre Leben in Europa. Diese haben weitreichende
Folgen für das soziale Leben, einschließlich so divergierender Aspekte wie Kriminalität bis
hin zum Selbstverständnis einer Gesellschaft als zusammenwirkender Einheit.
Demographische Veränderungen in Europa und das wachsende Problem der Überalterung der
Bevölkerung gehören ebenfalls, zumindest in Teilen, zur Krise der Familie und des
gemeinschaftlichen Lebens in Europa. Auch wenn dies ein allgemeines Phänomen ist,
schreitet es in manchen Teilen Europas schneller voran als in anderen. Die EU sollte sehr viel
mehr unternehmen, um Familien zu fördern, nicht nur auf der Ebene von einzelnen
Richtlinien, sondern durch eine generell unterstützende Einstellung auf der Ebene von
Basistexten wie dem europäischen Vertragswerk oder der Charta der Grundrechte.
3.5 Regionale und spirituelle Vielfalt
Die Entwicklung einer europäischen Identität ist eine zentrale Herausforderung für den
europäischen Einigungsprozess. Dieser Prozess sollte als ein gegenseitiges Wechselspiel
zwischen Vielfalt und Einheit verstanden werden. Der Reichtum Europas besteht in der
ethnischen, kulturellen und religiösen Vielfalt der Traditionen, die ihren eigenen Weg der
Entwicklung gehen. Die Entwicklung des Prinzips der Subsidiarität sollte als grundlegende
Methode des europäischen Einigungsprozesses fungieren. Es muss anerkannt werden, dass
die europäische Identität aus dem Miteinander verschiedener Wertvorstellungen besteht. Der
biblische Begriff einer multiplen Identität, der durch den Brief des Paulus an die Römer
eingeführt wurde, ist etwas, das im Hinblick auf die Bedingungen unseres Kontinents
weiterentwickelt werden sollte.
Die Situation der Minderheiten ist eines der Themen in diesem Kontext, das weithin als
Thema von besonderer Wichtigkeit für die Zukunft Europas wahrgenommen wird. Der
Schutz von Minderheiten ist eines der politischen Kriterien für die Beitrittskandidaten. Nur
so kann die Vielfalt in Europa erhalten werden. Der Schutz der Rechte von Minderheiten
wird intensiv von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE)
und dem Europarat vorangetrieben. Die EU sollte sich dem Thema stärker in
Zusammenarbeit mit diesen mehr gesamteuropäischen Institutionen widmen. Der Leitfaden
für den Umgang mit Minderheiten sollte sich danach richten, dass alle die gleichen Standards
anwenden. Hier sollten nicht nur ethnische Minderheiten, sondern auch alle anderen
Minderheiten - kulturell, sprachlich und auch religiös - berücksichtigt werden.
Das Thema der Anerkennung unterschiedlicher Traditionen und der Rechte von Minderheiten
sollte entschiedener Beachtung finden. Die sehr unterschiedlichen Aspekte erfordern ein
angemessenes Gleichgewicht. Eine Frage wäre die nach der Rolle der lokalen und regionalen
Gemeinschaften in dem aktuellen europäischen Prozess. Wie sollte ein angemessenes
Gleichgewicht zwischen Anpassung an den main stream und dem Erhalt eigener Kulturen
und Identitäten aussehen? Geht die Verbreitung von positiven europäischen Werten
notwendiger Weise mit der Assimilation lokaler Werte einher? Diese Fragen haben keinen
nur spirituellen oder kulturell-ethischen Charakter. Einige von ihnen haben auch politische
Konsequenzen. Momentan ist eine Intensivierung der Debatte über die Gleichbehandlung
gleichgeschlechtlicher Partnerschaften als quasi-familiäre Modelle gemeinschaftlichen
Lebens in manchen Ländern der EU zu beobachten, welche von einer breiten
Antidiskriminierungskampagne ausgeht und auch Eingang in offizielle EU-Dokumente fand.
Dies wurde allerdings von vielen auch als ein
Das Recht auf Schutz vor Diskriminierung hat unbestrittene Wichtigkeit, aber auch seine
Grenzen. Es ist kein absolutes Prinzip. Genauso wie eine Minderheit von der Mehrheit
diskriminiert werden kann, muss die Mehrheit vor extremen oder gar gewalttätigen
Minderheiten beschützt werden. Das richtige Gleichgewicht zwischen Anti-Diskriminierung
und dem Recht auf Autonomie in bestimmten Bereichen und bestimmten Grenzen ist
wichtiger als eines von beiden zu verabsolutieren. Das Recht auf kulturelle Autonomie sollte
als Standard im gemeinsamen Europa anerkannt werden. (21)
-
Die Kirchen im Prozess der europäischen Einigung
4.1 Was ist die Rolle der Kirchen heute?
Die Geschichte Europas macht deutlich, dass die gemeinsamen Wurzeln und Werte, die über
den ganzen Kontinent hinweg anerkannt sind, mit der Mission der Christenheit verbunden
sind. Andererseits muss auch anerkannt werden, dass dem Christentum heute keine
einzigartige Bedeutung in Europa zukommt und dass das Model eines „Christlichen Europas"
nicht angemessen ist. Ebenso erkennen die Kirchen an, dass es im Laufe der
Kirchengeschichte nicht immer nur um die christliche Botschaft ging. Die Kirchen trugen bei
verschiedenen Anlässen ihren Teil zur Entstehung von Spannungen, Missverständnissen und
sogar Konflikten bei. Nicht immer folgten die Kirchen den Grundrechten der Achtung der
Meinung von Minderheiten, des gegenseitigen Respekts und der Religionsfreiheit. Dies
geschah nicht nur in ferner Vergangenheit. Auch gegenwärtig setzen sich Spannungen fort,
die bei verschiedenen Anlässen in der ökumenischen Bewegung deutlich werden. Dies sind
Zeichen dafür, dass Kirchen in ihren irdischen organisatorischen Dimensionen keine
„perfekten Institutionen" sind. Dennoch sind die Werte, die von den Kirchen durch ihre
Mission vertreten werden, stärker als menschliches Versagen, wovon auch sie nicht frei sind.
Die Geschichte hat ebenso gezeigt, dass der Kern der christlichen Botschaft stärker ist als
menschliches Versagen, Fehler und Missverständnisse. Auch heute noch versagen die
Kirchen oft darin, in ihrer ekklesiologischen Vielfalt der Gesellschaft klar und mit
einheitlicher Stimme ihre Botschaft zu vermitteln.
Man muss darüber hinaus anerkennen, dass die christlichen Kirchen Teil einer breiteren
Gruppe verschiedener religiöser Traditionen und Gemeinschaften sind. Dennoch ist die
grundlegende Rolle der christlichen Kirchen in der Gesellschaft - sei es in
Wertediskussionen, in politisch/kulturellen Debatten oder wissenschaftlichen Diskursen, in
ihren pastoralen und diakonischen Aufgaben sowie in ethischen Beiträgen - anzuerkennen.
Christliche Kirchen sind nicht nur ein Teil der europäischen Geschichte, sondern auch ein
lebendiger und integraler Teil einer funktionierenden sozialen Infrastruktur. Ungeachtet der
Tatsache, dass es keine kirchliche Einheit gibt, muss die Stimme der christlichen Kirchen in
Betracht gezogen werden. Die Unterschiedlichkeit von kirchlichen und religiösen
Traditionen in Europa darf nicht als eine Verdunkelung, sondern muss eher als eine
Bereicherung angesehen werden, welche für die Schaffung einer gemeinsamen europäischen
Struktur von Nutzen sein könnte. Es ist vollständig unbefriedigend ein gemeinsames Europa
auf die Grundmuster gemeinsamer Marktwerte zu beschränken. Ethische und spirituelle
Dimensionen sind grundlegende wichtige Elemente dieses Prozesses. Es reicht ebenfalls
nicht, den europäischen Vereinigungsprozess von einer zentralen, wenn auch legitim
gewählten politischen Institution aus zu verwalten. Den Kirchen und religiösen
Gemeinschaften kommt darin eine Rolle zu als von staatlicher Macht unabhängige Wächter
über viele europäische Traditionen wie über die besondere ethische Dimension dieses
Prozesses. Diese Rolle ist grundlegend und durch nichts zu ersetzen.
Doch dieses ist nicht die einzige Aufgabe der Kirchen. Die Kirchen haben zu verschiedenen
Anlässen, die zum europäischen Erbe gehören, eine wichtige Rolle in der Gesellschaft
gespielt. Eine besondere Aufgabe hatten sie in jüngerer Vergangenheit in den Ländern unter
kommunistischer Herrschaft. Der spezifische Beitrag der Kirchen zum Reformprozess nach
dem Kollaps der ideologischen Teilung zwischen Ost und West ist unhinterfragt. Diese
Aspekte legitimieren die Rolle der Kirchen in ihrem Bemühen, ein aktiver Partner der
gegenwärtigen Entwicklung in Europa zu sein, denn der europäische Einigungsprozess ist
eine unmittelbare Fortsetzung des politischen Prozesses, wie er Anfang der 90er Jahre in
zentral- und osteuropäischen Ländern begonnen hat. Die Erfahrungen, die Kirchen je in
beiden Situationen gewonnen haben, in der Freiheit und unter totalitärer Unterdrückung, in
EU-Mitgliedsländern und in Kandidaten- oder Noch-Nicht-Kandidatenländern, geben ihnen
die Glaubwürdigkeit, einen effektiven Beitrag zum europäischen Einigungsprozess leisten zu
können.
Ein ganz besonderer Beitrag zu diesem Prozess kann von der Gemeinschaft der Kirchen in
der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) angeboten werden. Dieser hat seine Wurzel in
der Geschichte der KEK und dem Beitrag ihrer Mitgliedskirchen, die während der Zeit des
kalten Krieges praktische Verbindungen zwischen Ost und West entwickelten. Durch die
KEK haben die Kirchen mehr als 40 Jahre zu gegenseitigem Verstehen und Solidarität und
zur Überwindung der bis kürzlich noch existierenden Grenze zwischen beiden Teilen
Europas ihren Anteil geleistet. Dies ist ein besonderer Beitrag zu praktischer Entwicklung der
Europäischen Gemeinschaft und kann als konkrete Erfahrung auch im Rahmen des
Umganges mit komplexen Fragen der Europäischen Integration genutzt werden. Die Kirchen
sind bereit, diese Erfahrungen einzubringen.
Es ist eine zentrale Aufgabe der christlichen Kirchen, ihre gemeinsame Berufung zu
glaubwürdigem Zeugnis in der Gesellschaft zum gegenwärtigen Zeitpunkt der europäischen
Entwicklung zu bekunden. Die Kooperation der christlichen Kirchen in ihren Aktivitäten vis-à-vis der europäischen Institutionen ist ein Teil dieser Verpflichtung und Verantwortung.
Diese Bereitschaft der Kirchen ist auch in der Charta Oecumenica zum Ausdruck gebracht, in
der sich die europäischen Kirchen zur Vertiefung ihrer Zusammenarbeit verpflichten.
4.2 Der Beitrag der Kirchen
Trotz ihrer Unvollkommenheit als Organisation und in ihren Methoden, welche die Vielfalt
der kirchlichen, nationalen und kulturellen Unterschiede in ganz Europa widerspiegelt, haben
die Kirchen in jüngster Zeit doch intensiv zu Konfliktlösungen, Überwinden von Grenzen
und dem Bemühen um gegenseitiges Verständnis beigetragen. Dies geschah insbesondere auf
lokaler und regionaler Ebene.
Die Förderung einer Kultur des Friedens wurde bei vielen Anlässen als grundlegendes und
endgültiges Ziel der EU verstanden - sowie es als ursprüngliche Idee hinter der Gründung der
EU stand. Die enge Beziehung zwischen beiden - der europäischen Idee und dem
Evangelium der Kirchen (der 'guten Nachricht') ist ein Wert, der nicht vernachlässigt werden
sollte.
Die Kirchen spielen mit der Erfüllung ihrer pastoralen und diakonischen Aufgabe eine
wichtige Rolle in der Gesellschaft. Die Erfahrungen der Kirchen in der Arbeit mit
verschiedenen, oft sehr unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft wie mit jungen,
arbeitslosen, behinderten, kranken Menschen, Migrantinnen und Migranten sowie mit all
denen, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen sind, könnten zur Gemeinschaftsbildung und
Verbesserung der sozialen Kohäsion beitragen. Die Kirchen haben auch besondere
Erfahrungen aus der Arbeit mit Roma-Gemeinschaften. In einigen europäischen Ländern
entstehen im Zusammenleben zwischen gesellschaftlichen Gruppen und Roma-Gemeinschaften grundlegende Probleme auf verschiedenen Ebenen. Die Kirchen können
durch zeichenhaftes Engagement und durch das Angebot ihrer Erfahrungen und ihrer
Methoden dazu beitragen, diese Schwierigkeiten zu überwinden.
Schon mehrmals wurde die wichtige und ernsthafte Rolle der auf europäischem Gebiet
lebenden Minderheiten im Aufbau des zukünftigen Europas genannt. Minderheiten werden
zwiefältig, sowohl als Bereicherung wie aber auch als versteckte Zumutung und politisch als
Gefahrenquelle für mögliche Schwierigkeiten in der europäischen Gesellschaft angesehen.
Die Kirchen haben reiche Erfahrungen und auch Methoden die hilfreich sein können, um
Konflikte zu überwinden, die aus dem Zusammenleben von Gemeinschaften verschiedener
Herkünfte entstehen. So können die Kirchen zu dem komplexen Lernprozess, wie Vielfalt in
einer Gesellschaft gelebt und geregelt werden kann, beitragen. Die gleichen Erfahrungen und
das Engagement der Kirchen kann genutzt werden um verschiedene Probleme im
Zusammenhang mit Migrant/innen und Asylsuchenden zu lösen. Die Kirchen haben die
alltägliche Arbeitserfahrung mit der elenden Situation vieler Migrant/innen und all derer, die
aus welchem Grunde auch immer nicht durch Sozialsysteme aufgefangen werden. Auf dieser
Grundlage von Wissen und Erfahrung sind die Kirchen gut ausgestattete Fürsprecher für die
Einbeziehung von Menschenrechtsaspekten in die Agenda des Erweiterungsprozesses der
EU.
Die Kirchen stehen ein für die traditionellen Werte gemeinschaftlichen Lebens. Das Konzept
der Familie als eine Basiseinheit der Gesellschaft und als ein Bild für das Zusammenleben in
einer Gesellschaft kann als ein Konzept verstanden werden, dass einen Wert entfaltet für die
Entwicklung von Beziehungen innerhalb der breiteren lokalen Gemeinschaften wie auch für
die Gemeinschaft von Nationen.
Daraus folgt für die Kirchen sich für eine Kultur der Solidarität einzusetzen. Eine
wahrhaftige Gemeinschaft kann nur entstehen auf der Basis von gegenseitigem Respekt und
gegenseitiger Hilfe. Das biblische Wort „einer trage des anderen Last" ist die Grundlinie für
gegenseitiges Teilen von Ressourcen, unverzichtbarer Aspekt einer wirklichen Gemeinschaft.
Die Kirchen spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, positive Lebenserfahrungen in
bezug auf verschiedene Formen gemeinschaftlichen Lebens zu teilen und zu verbreiten. Sie
sind auf allen Ebenen gesellschaftlichen Lebens präsent. Besonders die „Graswurzel"-Elemente des kirchlichen Lebens sind von großer Bedeutung. Die Kirchen haben schon
Strukturen entwickelt, die ihre Bemühungen ihren gemeinsamen Auftrag wiederzuentdecken,
deutlich machen. Auf der Basis von Werten, die von den biblischen Grundlagen
durchdrungen sind, für die sie stehen, könnten die Kirchen der Zivilgesellschaft Zeugnis von
einem Leben in Solidarität, gegründet in der Hingabe, und von Werten des Teilens und
gegenseitiger Bereicherung geben. Es sind Kirchen und Religionsgemeinschaften, die zu den
Bemühungen um eine „Verlebendigung" der Entwicklung des Aufbaus Europas beitragen
können und Zeugen für Werte von grundlegender Bedeutung sein können.
Die Kirchen haben ihre vitale Bedeutung für die Entwicklung einer kohärenten Sicht von
Nachhaltigkeit und Wohlstand in Europa. Es gehört zum Kern der biblischen Botschaft, die
verschiedenen Aspekte einschließlich der ethischen, die das tägliche Leben der Menschen
beeinflussen, einzubeziehen. Der umfassende Blick auf die Nachhaltigkeit ist jedoch auch ein
Grundbedürfnis, das gegenüber den entsprechenden Institutionen auf dem Weg zum Aufbau
eines Europas mit einer positiven Zukunftsperspektive eingefordert werden muss.
Auf dem Hintergrund all dieser Aspekte begrüßen die Mitgliedskirchen der Konferenz
Europäischer Kirchen (KEK) die Tatsache, dass die Kommunikationsstrategie der
Europäischen Kommission nicht nur ein gewisses formales Projekt ist, sondern auch
inhaltliche Entwicklungen vorsieht. Begrüßenswert ist auch, dass die Europäische
Kommission verschiedene politische, wirtschaftliche und kulturelle Gruppen in den Dialog
über die europäische Integration einbeziehen will, um eine möglichst weitreichende
öffentliche Debatte, in die die Tatsachen und ihre Implikationen eingebracht werden, in Gang
zu bringen. (22) Die Kirchen mit ihrer extensiven Infrastruktur und Präsenz in allen
europäischen Ländern und auf verschiedenen Ebenen - von den 'Graswurzeln' bis zur
internationalen Ebene - sowie mit ihrem Engagement für diesen Prozess erwarten, dass sie zu
den selbstverständlichen Partnern in der Umsetzung der Strategie gehören. Die Kirchen
wollen sich als Partner in der öffentlichen Diskussion nicht nur zu den praktischen Seiten des
Prozesses, sondern auch in Bezug auf Werte, die jeweiligen Wurzeln und Begründungen, die
damit zusammenhängen, einbringen. Den Kirchen als Wertegemeinschaften sollte eine
grundlegende Bedeutung in dieser Diskussion zukommen.
4.3 Kirchen als Wertegemeinschaft
Die Kirchen unterstützen eine Integration von Europa, die nicht nur begrenzt wird auf ihre
politischen und ökonomischen Aspekte. Ohne gemeinsame Werte ist eine Einheit nicht
tragfähig. Diese Überzeugung wurde bei verschiedenen Anlässen zum Ausdruck gebracht.
Die Charta Oecumenica, ein Dokument, das gemeinsam von der Konferenz Europäischer
Kirchen und dem Rat der Europäischen Katholischen Bischofskonferenzen (CCEE)
herausgegeben wurde, bringt ebenfalls die Unterstützung des Integrationsprozesses zum
Ausdruck. Gleichzeitig unterstreicht sie die Rolle der Kirchen und Religionsgemeinschaften
darin. Kirchen als Wertegemeinschaften können einen unterstützenden Rückhalt für die
europäische Einigung bilden. Während die EU als Institution nicht immer in der Lage
gewesen zu sein schien, sich auf Werte zu konzentrieren und dafür einzutreten, haben die
Kirchen sich immer darum bemüht. Die christliche Kirche ist begründet in der Botschaft Jesu
Christi, die als Evangelium für alle Menschen verstanden wird. Christen begrenzen sich nicht
auf ihren innersten Kreis, sondern fühlen sich - begründet in jenem Evangelium -
verantwortlich für die ganze Erde. Die Christen sind gerufen, an unterschiedlichen Orten in
der Gesellschaft ihre Aufgaben zu erfüllen. Eines der grundlegenden Merkmale, das ein
umfassendes Element der christlichen Lehre und des christlichen Lebensstils darstellt, ist das
tiefgehende Verständnis der Bedeutung von Solidarität in der Gesellschaft. Für den Aufbau
eines gemeinsamen Europas ist ein tiefgehendes Verständnis von Solidarität von zentraler
Bedeutung. Nur auf der Grundlage von Solidarität können verlässliche Beziehungen und
lebendige Kontakte zwischen verschiedenen Regionen, verschiedenen Gemeinschaften und
verschiedenen Teilen des Kontinents entwickelt werden. Deshalb begrüßen die Kirchen die
Einführung des Kapitels zur Solidarität in die Charta der Grundrechte. (23) Begriffe wie
„Hoffnung" und „Versöhnung" sind ebenso Teil der christlichen Botschaft und von zentraler
Bedeutung für ein gemeinsames Europa. Keine Gemeinschaft kann gebildet werden ohne
eine Vision für die Zukunft. Wesentliche Elemente um eine Vision zu entwickeln, sind
Vergebung, die uns ermöglicht, mit der Vergangenheit umzugehen - und Hoffnung.
Der Religion kommt in verschiedenen Teilen des Kontinents eine unterschiedliche
Bedeutung zu, ebenso unterschiedlich sind die Wertesysteme. Die Kirchen sind ein Faktor in
dieser Unterschiedlichkeit. Die Spannungen zwischen individuellen und kollektiven
Aspekten der Menschenrechte, die Erfahrungen damit zu verschiedenen Zeiten in der
europäischen Geschichte und die Auswirkungen dieser Spannungen auf die Gegenwart, sind
nur ein Beispiel dafür.
Einer der grundlegenden Aspekte der zukünftigen Entwicklung des Kontinents ist es, mit der
Vielgestaltigkeit von Gesellschaft in Europa umzugehen. Deshalb muss eine offene
Diskussion darüber eröffnet werden, was verschiedene Teile des Kontinents in Ost und West,
Nord und Süd eint und was sie trennt. Die Beteiligung der Kirchen an dieser Art Diskussion
ist unvermeidlich.
Die Kirchen haben bei vielen Gelegenheiten bewiesen, dass ihre Respektierung von
Menschenrechten und ihr Engagement für ihre Umsetzung ein integraler Teil ihrer Tradition
sind. Darin verfolgen die Kirchen nicht ihr eigenes Interesse, sondern haben die gesamte
Gesellschaft im Blick. Im Jahre 2000 haben die Kirchen aktiv am Entstehungsprozess der EU
Charta der Grundrechte beigetragen. In dieser Hinsicht müssen die Kirchen als integraler,
lebendiger und nicht abzuspaltender Teil der europäischen Zivilgesellschaft wahrgenommen
werden.
-
Schlussfolgerung
Der europäische Einigungsprozess muss sich zur Zeit mit verschiedenen Herausforderungen
auseinandersetzen. Um diesen Prozess erfolgreich zu bewältigen, müssen zusätzliche
Dimensionen und Akzente in der gegenwärtigen Gestaltung des Prozesses berücksichtigt
werden. Die Kirchen in Europa sind nicht die einzigen, die mit ihrem Beitrag zum
gegenwärtigen Zeitpunkt in den europäischen Integrationsprozess einbezogenen werden
müssen. Sie sprechen weder alle Probleme im Zusammenhang des Prozesses an noch ist ihr
Beitrag in irgendeiner Weise vollständig. Andererseits sind sie der tiefen Überzeugung, dass
sie auf der Grundlage ihrer Tradition, ihrer Werte und ihrer Rolle in der Gesellschaft viel zu
der zukünftigen Vision für Europa beitragen können. Die Kirchen haben eine Botschaft und
sie haben Hoffnung. Das gemeinsame Europa kann nicht ohne sie gebaut werden.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt hat Europa eine Chance, einen bedeutsamen Beitrag zur
Entstehung eines Zeitalters des Friedens, der Freiheit und der guten Lebensqualität zu leisten.
Diese Chance jedoch mag nicht auf Dauer offen bleiben.
Der für die Erweiterung zuständige Kommissar Günter Verheugen war sehr klar zu diesem
Thema:
"Ein Abenteuer wäre es, das Projekt aufzugeben oder auf unbestimmte Zeit zu vertagen. Wir
haben ein Fenster der Gelegenheit. Es ist jetzt offen. Aber es wird nicht ewig offen bleiben."
Dies ist nicht nur in Bezug auf die Erweiterung sondern auch auf den Prozess der
europäischen Einigung wahr. Deshalb muss jede Gelegenheit ergriffen werden und alle
verfügbaren Treuhänder in dem Prozess müssen ihren angemessenen Platz darin finden. Es
gibt viele Herausforderungen und Möglichkeiten und es gibt weiterhin offene Fragen. Die
Verantwortung besteht darin, nicht die Chance zu verpassen. Die Kirchen sind Teil dieser
offenen Chance für Europa.
Peter Pavlovic.
Brüssel, März 2001
(Original: Englisch)
Mitglieder der KEK-Arbeitsgruppen zum Europäischen Integrationsprozeß:
Frau Margareta Björn (Mission Covenant Church of Sweden)
Dr. Zoltan Bona (Ecumenical Council of Churches in Hungary)
Rev. Corin Condrea (Rumanian Orthodox Church)
Ms. Gabrielle Cox (United Reformed Church in the UK)
OKR Dr. Joachim Gaertner (EKD)
Drs. Laurens Hogebrink (Uniting Churches in the Netherlands)
Mr. Viktor Maloukhin (Russian Orthodox Church)
Dr. Peter Pavlovic (CEC-CSC staff)
Dr. Hanz-Balz Peter (Swiss Protestant Federation)
Rev. Andrzej Wojtowicz (Polish Ecumenical Council)
NOTES
1. Towards a Continent Reconciled with Itself. The Contribution of an Enlarged European Union, EECCS, 1997
2.
The role of the curches in the process of European integration - a search for common European values, CEC,
Oktober 2000
3.
Enlargement Strategy Paper 2000, Bericht zum Fortgang der Beitrittsverhandlungen von Kandidatenländern.
4.
Ein „Straßenkartenkonzept" wurde entwickelt, das anzeigen wird, was die einzelnen Kandidatenländer „noch tun müssen", um die Aufnahmebedingungen zu erfüllen, und anhand dessen zusätzlich gesehen werden kann,
wie weit die Aufnahmebedingungen schon erfüllt sind.
5.
Das wird in dem Papier The Nice Treaty - Description and Evaluation, Kommission für Kirche und
Gesellschaft der Konferenz Europäischer Kirchen, Januar 2000, genauer diskutiert.
6.
„…zum Ende des Jahres 2002, in der Hoffnung, dass sie (diese Länder) in der Lage sein werden, an den
nächsten Parlamentswahlen (2004) teilzunehmen."
7.
Dieser Gedanke wurde zuerst eingebracht vom ehemaligen Präsidenten der Europäischen Kommission,
Jacques Delors.
8.
In Erfüllung dieser Aufgabe gab die Europäische Ökumenische Kommission für Kirche und Gesellschaft
(EECCS), der Vorläufer der Kommission für Kirche und Gesellschaft der Konferenz Europäischer Kirchen,
1997 einen Bericht heraus (siehe Anmerkung 1). 1997 machte sich die EECCS auch eine Erklärung zu eigen, in der sie ihre Verpflichtung gegenüber dem Erweiterungsprozess der Europäischen Union bestätigte.
9.
Die geringste öffentliche Unterstützung hat die EU-Erweiterung scheinbar in Österreich und Frankreich.
10.
Eurobarometer 53, Oktober 2000.
11.
Jüngste Wahlergebnisse in einigen europäischen Ländern und eine starke öffentliche Unterstützung für
extreme politische Meinungen verdeutlichen diesen Punkt.
12.
Siehe z.B. Theo Junker, Direktor des Büros des Europaparlaments, in: The role of the churches in the process
of European integration - a search for common European values, KEK, Oktober 2000.
13.
European Commission Progress Report 2000, S. 5.
14.
wie die o.g. Studie vom Februar 2001
15.
The Long-Term Implications of EU Enlargement: The Nature of the New Border, The Final report of the
Reflection Group set up by the Forward Studies Unit of the European Commission and the Robert Schuman
Centre of the European University Institute in Florence chaired by Giuliano Amato, 1999, p.51
16.
ibid., p. 52
17.
Die Herausforderungen Europas für den Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) und seiner
Mitgliedskirchen, von der SEK im Jahr 2000 veröffentlicht.
18.
Der Aufruf des früheren Präsidenten der Europäischen Kommission Jacques Delors zur Vertiefung der
spirituellen Dimension lässt sich auf das Jahr 1990 datieren.
19.
The Declaration of Religions, Bukarest, Mai 2000.
20.
Das Fehlen einer Vision für das zukünftige Europa wurde mehrfach angedeutet. Verschiedene hochrangige
europäische Politiker haben in letzter Zeit darauf hingewiesen. Einer der wichtigsten Texte ist Visions for
Europe des belgischen Premierministers Guy Verhofstadt vom September 2000.
21.
Die EU-Richtlinie zum Diskriminierungsverbot im Bereich der Beschäftigung nimmt diese Spezifizierungen
auf. Dies ist ein Beispiel dafür, dass es möglich ist, das Autonomieprinzip mit dem Prinzip der Anti-Diskriminierung zu vereinbaren.
22. Fortschrittsbericht der Europäischen Kommission 2000, S. 7.
23. Charta für Grundrechte, Kap. 4.
|