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Konferenz Europäischer Kirchen

Internationale Tagung über Frauenhandel in Europa

Kerk en Wereld, Driebergen, Niederlande

27. November - 1. Dezember 1999



ERKLÄRUNG


Die Tagung

Wir sind siebzig Frauen und Männer aus siebenundzwanzig europäischen Ländern und vertreten Kirchen, Hilfswerke und ökumenische Organisationen, die sich mit dem rasch wachsenden Problem des Frauenhandels in Europa befassen wollen.

Der Hintergrund

In den letzten zehn Jahren haben die politischen und wirtschaftlichen Konfigurationen in Europa zum massiven Anstieg des Frauenhandels aus ärmeren in reichere Länder zum Zwecke der Zwangsarbeit, der erzwungenen Eheschliessung und des Zwangs zur Prostitution geführt. Alle Länder der Region sind davon betroffen, entweder als Herkunftsländer, als Bestimmungsorte oder als Transitländer, in denen Reisepapiere und Heiratsurkunden erhältlich sind. Da der Handel geheim gehalten wird, sind keine genauen Zahlen erhältlich, aber der UNDP Bericht 1999 weist darauf hin, dass 500'000 Frauen und Mädchen nach Westeuropa geschafft werden, die meisten von ihnen aus Osteuropa, sowie zusätzliche Zahlen von Frauen aus Südeuropa und dem Balkan, dem Nahen Osten, Afrika, Lateinamerika und Asien. Die sie beschäftigen, sind Männer und Frauen als allen Teilen der Gesellschaft, auch aus den Kirchen, aber die Kultur des Schweigens führt dazu, dass der Öffentlichkeit diese Tatsache kaum bekannt ist.

Solche Frauen werden zum Verlassen ihres Landes gelockt, indem ihnen gut bezahlte Stellen oder glanzvolle Ehen versprochen werden, bei der Ankunft im Bestimmungsland müssen sie jedoch feststellen, dass sie in die Sklaverei verkauft wurden. Einige werden Opfer von Misshandlung, Gewalt oder sexueller Ausbeutung, sie werden wie Gefangene gehalten, ihre Pässe werden ihnen weggenommen, und sie leben in ständiger Angst, im Gefängnis zu landen, falls sie die Behörden benachrichtigen können. Wenn eine Frau in ihr Herkunftsland zurückkehren kann, hat sie oder ihre Familie mit Repressalien zu rechnen und lebt im Terror davor, dass sie nicht heiraten oder kein normales Leben in ihrer "Heimat" führen kann, wenn Einzelheiten aus ihrer Vergangenheit bekannt werden. Inzwischen können die "Händler", die das Geschäft ausgehandelt haben, zwischen 200 und 5.000 $ pro Frau verdienen.

Das Jahr 1999 wurde von der Europäischen Union zum Jahr der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen ernannt, wobei der Frauenhandel eine Priorität ist. Die Mitgliedsländer sind dringend aufgefordert, die Problematik vorrangig zu behandeln, indem entsprechende Massnahmen ergriffen und Beamte der Polizei, der Einwanderungsbehörden und Grenzkontrollen angemessen geschult werden. In Ost- und Südeuropa und auf dem Balkan ist es nötig, die Opfer zu betreuen und unter potentiellen Opfern das Bewusstsein durch Aufklärungsmassnahmen zu wecken. Die Thematik muss als wichtige Menschenrechtsfrage auf der Tagesordnung des Europarates und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) stehen. Die Öffentlichkeit muss Druck auf Regierungen ausüben, wenn sie davon überzeugt werden sollen, auf diese Initiativen zu reagieren.

Ein Thema für die Kirchen

Die Kirchen können zur Lösung beitragen, indem sie die Aufmerksamkeit auf das Thema lenken, aber sie sind auch Teil des Problems. Die meisten finden es unmöglich, das Vorkommen von sexuellen Misshandlungen in ihren Gemeinden und Familien zuzugeben, obwohl es unter ihren Mitgliedern, durch die Kultur des Schweigens geschützt, Täter und auch Opfer des Frauenhandels gibt. Sie scheuen nicht nur vor Fragen der sexuellen Misshandlung zurück, die meisten haben überhaupt Schwierigkeiten mit Sexualität. Auf einem Kontinent, dessen Kulturen von den christlichen Traditionen und Theologien gestaltet wurden und in Kirchen, deren Strukturen, Liturgien und Aussagen auf dem ungleichen Machtverhältnis zwischen Frauen und Männern beruhen, müssen wir uns fragen, ob der Gott, den wir verehren, wirklich der leidenschaftliche, kreative Gott ist, der "die Menschen als Gottes Abbild geschaffen hat, als Abbild Gottes schuf Gott sie; als Mann und Frau schuf Gott sie" (Genesis 1). Wir müssen uns fragen, ob christliche Traditionen und Theologien, anstatt Christi Botschaft des Mitgefühls und der Nächstenliebe zu verkörpern, nicht eher zur Entwicklung und Aufrechterhaltung von Kulturen beigetragen haben, mit denen Kirchen und einzelne Christen den Zwang und die Misshandlung gegenüber Frauen mit reinem Gewissen gutheissen.

Wir wissen auch, dass die Kirchen oft in der Lobbyarbeit, in der Erziehung und seelsorgerischen Begleitung von Opfern wirksam tätig sind und ein grosses Potential haben. Durch internationale konfessionelle Gremien, durch die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), durch den Rat der Europäischen (römisch-katholischen) Bischofskonferenzen (CCEE), durch das Ökumenische Forum Christlicher Frauen in Europa und andere ökumenische Organisationen verfügen sie über überstaatliche Verbindungen und Netzwerken, die sie mit allen möglichen Gruppen und Ebenen des Problems verbinden.

Wir glauben, dass Kirchen dazu verpflichtet sind, in Zeiten der politischen und sozialen Veränderungen eine Dynamik der Gegenkultur anzubieten. Wir erkennen den Frauenhandel als moralischen Frevel und Verletzung der Menschenrechte an. Er ist auch eine Misshandlung von Körper und Geist, die der Tempel des Heiligen Geistes sind und in denen der menschgewordene Christus wohnt. Wir glauben, dass die Problematik Auswirkungen auf unsere Theologie, unser diakonisches Engagement und unsere Beziehung zu politischen und sozialen Institutionen hat. Diese Auswirkungen sind eine Herausforderung an unsere Vorstellung von der Kirche selbst: der Haushalt Gottes, in dem alle einen Platz haben und geehrt werden. Wir glauben, dass der Frauenhandel zu einem dringenden Thema für die Kirchen geworden ist, von denen wir glauben, dass sie die Fähigkeit haben, wirksam Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen und das dazu nötige geistliche und moralische Klima dazu wieder herzustellen.

Frauenhandel in Europa

Die direkte Herausforderung

Deshalb fordern wir die KEK dazu auf, das Thema des Frauenhandels zum regelmässigen Teil ihrer Tagesordnung zu machen.

Ausserdem fordern wir die KEK, ihre Mitglieder, den CCEE, den Ausschuss der Kirchen für Ausländerfragen in Europa (CCME) und andere entsprechende ökumenische Gremien dazu auf, den Frauenhandel zu einer Priorität zu machen und sich zu folgenden Herausforderungen zu verpflichten:

  • die Erstellung und Förderung eines Dokuments, in dem der Hintergrund für die Problematik des Frauenhandels, seine Grundursachen und das soziale und theologische Nachdenken darüber dargelegt sowie Anregungen zum Handeln und Information über bestehende Netzwerke gegeben werden, die das Thema in den grösseren Zusammenhang von Gewalt gegen Frauen, Armut, Sklaverei, Menschenrechte und krimineller Tätigkeit stellen;

  • dem Thema des Frauenhandels im Rahmen der Dekade des ÖRK zur Überwindung von Gewalt (2001 - 2010) Priorität einräumen;

  • eine Broschüre über Frauenhandel zusammenstellen mit Adressen (von Professionellen und anderen), wo Hilfe gefunden werden kann; sie sollte auch eine Liste von engagierten regionalen NGOs und ihren Aktivitäten enthalten;

  • Forschungsarbeiten fördern und Informationen zusammenstellen über Frauenhandel;

  • im Rahmen der KEK eine Arbeitsgruppe über Frauenhandel einrichten und die Nacharbeit zu dem gemeinsamen Brief von KEK und CCEE über Gewalt gegen Frauen vom Juni 1999 leisten; die Möglichkeit einer ökumenischen Kommission über Frauenhandel prüfen;

  • das Verständnis von der Verantwortung der Kirchen in Europa fördern, um auf Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen, die sich aus neuen politischen und wirtschaftlichen Konfiguration und vor allem durch die ungleiche Verteilung von Wohlstand in Europa ergeben, die ein erster Grund für die Zunahme des Frauenhandels ist;

  • im Rahmen der KEK die theologische Diskussion unter Frauen und Männern über Frauenhandel fördern, um die Ideologie des Gewinns und des Konsumdenkens in der globalen Marktwirtschaft aufzudecken und diese durch die Entwicklung einer positiven Theologie der Leiblichkeit, der Sexualität und der Menschwerdung hinterfragen; diese (theologische) Aufgabe wirkt sich auf das Machtverhältnis zwischen Frauen und Männern in Kirche und Gesellschaft aus;

  • national und international tätige Gruppen bei ihrer Aufklärungs- und Lobbyarbeit unterstützen und dabei das Potential der elektronischen Medien zur kreativen Erweiterung der Netzwerktätigkeit erforschen;

  • Erziehungsarbeit über Frauenhandel, vor allem unter Männern und Jungen, fördern;

  • Kirchen auf die Möglichkeit aufmerksam machen, ihre Einrichtungen den Opfern des Menschenhandel als sichere Zuflucht zur Verfügung zu stellen;

  • die Möglichkeit der Benutzung von Videos und anderem visuellem Material prüfen, um die Problematik des Frauenhandels in der Öffentlichkeit bekannt zu machen;

  • Mittel für die oben genannten Zielsetzungen bereitstellen, vor allem finanzielle;

  • die Diskussion über die zweifellose Existenz von "Käufern" sexueller Angebote in Kirchen und Gemeinden und über die diesbezügliche Auswirkung auf die Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche anregen.