Conference of European Churches (CEC) Consilium Conferentiarum Episcoporum Europae (CCEE)
Conférence des Eglises européennes (KEK) Council of European Bishops' Conferences (CCEE)
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An die
KEK-MITGLIEDSKIRCHEN
und
EUROPÄISCHEN BISCHOFSKONFERENZEN



Genf / St. Gallen, im Mai 1999



GEWALT GEGEN FRAUEN


Liebe Freunde in Christus,

im Namen des Gemeinsamen Ausschusses von CCEE und KEK grüssen wir Sie und wenden uns an Sie mit der vollständigen Unterstützung des Gemeinsamen Ausschusses in dieser ernsten Frage der Gewalt gegen Frauen in Europa. Diese wurde bereits in einer Reihe von wichtigen Erklärungen von kirchenleitenden Persönlichkeiten und christlichen Gremien in Europa, einschliesslich Seiner Heiligkeit Papst Johannes Paul II. in seinem Brief an die Frauen vor der Beijing-Konferenz 1995 und in seiner Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages am 1. Januar 1998 hervorgehoben. Die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung im Juli 1997 in Graz verpflichtete sich «zur Zusammenarbeit beim Versuch, alle Formen von Gewalt, insbesondere gegen Frauen und Kinder, zu ächten», während die 11. KEK-Vollversammlung erklärte, dass «Gewalt gegen Frauen als eine wesentliche Frage anerkannt werden sollte.»

Beim Schreiben dieses Briefes denken wir an die Worte des hlg. Paulus, als er an die Korinther schrieb:

"damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn eine Glied geehrt wird, freuen sich alle mit ihm" (1. Kor 12, 25-26).

Mit der Benutzung dieses Bildes vom Leib fordert uns Paulus auf, in den Leiden einiger eine Beleidigung für alle zu sehen. Er öffnet uns ein spirituelle Dimension im Auftrag zur Sorge um diejenigen, die unter Gewalt leiden, vor allem die besonders Verwundbaren. Dies gibt uns einen tiefen Grund, uns mit der Thematik der Gewalt auseinanderzusetzen und eröffnet uns Möglichkeiten des Heilens und der Versöhnung.

Gewalt gegen Frauen ist eine traurige Tatsache in der Welt unserer Zeit und hat eine lange Geschichte. Sie stellt uns in Europa jedoch zu dieser Zeit auch vor eine besondere Herausforderung. Sie äussert sich in einer Vielfalt von Formen. Vergewaltigung als Kriegsverbrechen wurde zum Beispiel in den Konflikten im ehemaligen Jugoslawien hervorgehoben. Aber Gewalt gegen Frauen ist keineswegs auf Kriegssituationen beschränkt. Sexuelle und andere Formen von körperlicher Gewalt bedrohen die Frauen überall, und die meisten Fälle geschehen innerhalb von Familien. Eine beträchtliche Menge an Dokumentation bestätigt, dass es sich tatsächlich um ein in ganz Europa verbreitetes Phänomen handelt. Auch die Kirchen sind zutiefst besorgt darüber, dass Gewalt gegen Frauen sogar in ihren Gemeinschaften und Institutionen und in christlichen Familien vorkommt. In dieser Frage haben die Kirchen selbst zulange geschwiegen.

Eine andere besonders schändliche Ausdrucksform im heutigen Europa ist der zunehmende Handel mit Frauen und sogar mit jungen Mädchen zum Zwecke der erzwungenen Prostitution. Ein Grossteil dieses Handels betrifft Frauen aus den östlichen Teilen Europas oder ausserhalb Europas in den Westen. Es gibt Menschen, welche die wirtschaftliche Not dieser Frauen ausnutzen und sie zur Prostitution zwingen, und andere benutzen sie als Kunden.

In den Medien werden die Frauen im heutigen Europa oftmals in einer abwertenden Weise dargestellt. Dies geschieht häufig im Zusammenhang mit Gewalt, wobei sexuelle Gewalt als Unterhaltung dargestellt wird. Dies gehört zu einem breiteren Phänomen, durch das Frauen ausgebeutet werden.

Im Lichte dieser Überlegungen laden wir zunächst alle Kirchen ein, sich so tief wie möglich in diesen Fragen zu engagieren, da sie die Gesellschaft insgesamt betreffen. Für Christen stützt sich das Eintreten für Gerechtigkeit und Menschenrechte sowohl für Frauen als auch für Männer auf den Glauben, dass Frauen und Männer nach dem Ebenbild Gottes erschaffen wurden. Deshalb sollen Frauen und Männer mit Würde behandelt werden, weil dies dem Willen Gottes entspricht und bestätigt und auf eine neue Ebene im Leben, in der Lehre, im Tod und in der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus gebracht wurde. Diese Überzeugung sollte uns ermutigen, mit Gruppen zusammenzuarbeiten, die bereits in Solidarität mit den Opfern von Misshandlung und Ausbeutung handeln und nach einer gerechten und gewaltfreien Gesellschaft streben.

Zweitens freut sich der Gemeinsame Ausschuss über die Tatsache, dass der Europarat für 1999 zur besonderen Aufmerksamkeit auf die Frage der Gewalt gegen Frauen aufgerufen hat. Wir glauben, dass jede Kirche in Europa diese Thematik auch auf eine Weise betonen sollte, die ihrem jeweiligen Kontext entspricht. Deshalb laden wir die Verantwortlichen jeder Kirche dazu ein, öffentlich zu erklären, dass jede Form von Gewalt gegen Frauen eine Sünde ist, weil sie eine Beleidigung gegen ihre Menschenwürde ist. Gewalt gegen den Körper der Frau und gegen ihren Geist muss verurteilt werden. Dies ist wichtig, weil viele Frauen, die Gewalt erfahren haben oder sich durch sie bedroht fühlen, spüren, dass die Öffentlichkeit weitgehend zögert zuzugeben, dass solche Gewalt wirklich und ernst ist und deshalb beim Namen genannt werden sollte.

Drittens fordern wir alle Kirchen dringend dazu auf, offene Gespräche über diese Probleme in ihren Gemeinschaften zu führen und die dieser Gewalt zugrundeliegenden Haltungen und Strukturen anzuprangern. Die Kirchen sollten sich auch Gedanken über ihre seelsorgerische Verantwortung gegenüber denen machen, die unter Gewalt,. Misshandlung oder Ausbeutung irgendeiner Art leiden. Die Kirchen tragen eine besondere Verantwortung in der Auseinandersetzung mit einer Kultur, die häufig davon ausgeht, dass Gewalt gegen Frauen eine unvermeidliche Tatsache des Lebens ist. Es muss auch Offenheit gegenüber jenen gezeigt werden, die diese Gewalt verüben, indem ihnen klar gemacht wird, dass es sich um ein inakzeptables Verhalten handelt. Diese Angelegenheiten sollten in allen Aspekten des Lebens der Kirche angesprochen werden, zu denen die Predigt, die Lehre und die Seelsorge gehören.

Wir sind uns mit Dankbarkeit bewusst, dass eine ganze Reihe von Kirchen, Bischofskonferenzen und ökumenischen Gremien in Europa zu dieser Problematik bereits Stellung nehmen. Der Gemeinsame Ausschuss würde es begrüssen, wenn Sie die Sekretariate von KEK und CCEE darüber informierten könnten, welche Aktionen Sie ergreifen, entweder auf Ihre eigene Initiative hin oder als Reaktion auf diesen Brief. Wir wären Ihnen dankbar, wenn dies bis Ende 1999 geschehen könnte. Danach wird es möglich sein, einen Gesamtbericht über die Aktivitäten der europäischen Kirchen auf diesem Gebiet vorzulegen.



In Christus Ihr

Metropolit Jérémie
Präsident
Konferenz Europäischer Kirchen
Miloslav Kardinal Vlk
Präsident
Rat der Europäischen Bischofskonferenzen


cc: KEK- und CCEE-Mitglieder.


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