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EECCS und "Bioethik"
Die "Bioethik"-Arbeitsgruppe von EECCS, der Europäischen Ökumenischen Kommission für Kirche
und Gesellschaft, wurde 1992 gebildet. Sie hat folgende Aufgaben :
Dieses Positionspapier ist eine Art Visitenkarte der Gruppe mit dem Ziel, einen theologischen Rahmen
für eine Ethik angesichts der weitreichenden Entwicklungen in Biomedizin und Biotechnologie zu
formulieren. Immer öfter rufen Fortschritte auf diesen Gebieten, wie zum Beispiel künstliche
Befruchtung, gentechnische Veränderungen an Pflanzen und Tieren oder Klonen, innerhalb und
außerhalb der Kirchen gegensätzliche Reaktionen hervor. Auf der einen Seite machen sie Hoffnung auf
neue Therapien und Medikamente, auf der anderen wecken sie tiefe Sorge um grundlegende Normen,
Werte und Überzeugungen.
Unsere Kirchen erlauben den offenen Dialog in Fragen des Glaubens und der Ethik, sie ermutigen
sogar dazu im Vertrauen auf die Weisheit der Bibel und die Führung durch den Heiligen Geist. Dieses
Organisationsprinzip unterscheidet sich vom "Magisterium" der römisch-katholischen Kirche. Das
persönliche Gewissen und die eigene Verantwortung spielen eine zentrale Rolle bei der Deutung der
Bibel. Die Aufgabe der Kirchen als Institutionen ist es, den Gläubigen zu helfen, damit sie ihre
Verantwortung wahrnehmen können in der täglichen Nachfolge Christi; das Ziel sollte sein, "ein gutes
Leben mit und für andere in Strukturen, die gerecht sind" (P. Ricoeur). Um biblische Bilder zu
gebrauchen: Wir sind gemeinsam dazu berufen, gute "Haushalter" in der Welt zu sein, die von Gott,
unserem Vater in Jesus Christus, geschaffen und erlöst wurde, damit sie ein Ort wird, wo das Leben für
alle Geschöpfe lebenswert ist. In diesem Zusammenhang ist die Aufgabe der Arbeitsgruppe zu sehen.
Viele ethische, philosophische und theologische Fragen ergeben sich aus den erwähnten
Entwicklungen in Biomedizin und Biotechnologie. Ist es moralisch vertretbar, Kinder im Reagenzglas
zu "machen" oder menschliche Embryonen für Versuche zu benutzen ? Ist es erlaubt, das Erbgut von
Pflanzen und Tieren so zu verändern, daß sie für den menschlichen Gebrauch nützlicher sind ? Wie
steht es mit Xenotransplantation (Transplantation von Tierorganen auf Menschen) und Klonen ? Wo
sollten wir Grenzen ziehen und warum ? Welches ist der Platz des Menschen in der Natur ? Und
welches ist der Platz von Wissenschaft und Technik in der Gesellschaft ? Diese und viele andere
Fragen erfordern gründliche ethische Überlegung aus dem Blickwinkel des christlichen Glaubens.
Der christliche Glaube begreift die Welt als ein Ergebnis der schöpferischen Tätigkeit Gottes; sie ist
auf sein Wohlwollen angewiesen. Bei dieser Art, die Welt zu betrachten, wird alles, was existiert, in
einen sinnvollen Zusammenhang gestellt. Dies verträgt sich mit wissenschaftlichen Theorien und
Hypothesen (wie zum Beispiel der Evolutionstheorie); es ergänzt sie, reicht aber darüber hinaus.
Schöpfung als Werk Gottes kann nicht Gott gleich sein. Gott ist nicht das All. Natur kann nicht
Gegenstand von Verehrung sein. Die Welt sollte vielmehr als ein Ort und eine Umgebung gesehen
werden, wo Leben für alle Geschöpfe lebenswert sein soll. Deshalb kann sie auch das "Theater der
Ehre Gottes" (Calvin) genannt werden.
Menschen sind Teil der Schöpfung, aber sie haben auch eine besondere Stellung in ihr: Mann und Frau
wurden "als Ebenbild Gottes" geschaffen, um über die Schöpfung zu "herrschen" (Genesis 1,28).
Zwischen Genesis 1 und Genesis 2 gibt es eine Spannung. Im Licht von Genesis 2,15 denken wir, daß
"herrschen" nicht ausbeuten heißt, sondern zu deuten ist als ein Auftrag, die Erde "zu bebauen und zu
behüten", das heißt Gottes schöpferisches und liebevoll-sorgendes Verhältnis zur Welt nachzuahmen.
In der Sprache des Neuen Testaments: Es ist der Auftrag, Jesus Christus, dem wahren Ebenbild Gottes,
nachzufolgen. Bezogen auf eine "Ethik des Lebens" kann dies gedeutet werden als Auftrag,
verantwortlich in der Welt hauszuhalten. Deshalb möchten wir betonen, daß diese besondere Stellung
der Menschen eine Sorgepflicht für Tiere und für die Umwelt nach sich zieht.
Durch die Gnade Gottes bleibt dieser gemeinsame Auftrag für die Menschheit bestehen, trotz Sünde
und Bosheit. Es ist für jedermann offenkundig, daß diese Welt weit davon entfernt ist, ein Paradies zu
sein. Menschliches Tun wird durch Sünde verdorben; im Licht der Bibel kann Sünde als ein dem
Auftrag Untreuwerden und ein Übertreten der göttlichen Gebote in Stolz und Selbstsucht gesehen
werden. Und die Schöpfung nimmt durch das Böse schweren Schaden. Christen glauben jedoch, daß
Gott durch das Leben, den Tod und die Auferstehung Christi eingegriffen hat, um nicht nur die
Menschen, sondern die ganze Schöpfung "von der Sklaverei und Verlorenheit zu befreien" (Römer
8,21). Deshalb kann die Botschaft von der Auferstehung als "Stehen Gottes zu seiner Schöpfung"
gesehen werden (O. O'Donovan). Das bedeutet, wie bereits erwähnt, daß der Auftrag an die Menschen
zum verantwortlichen Umgang mit der Welt erneuert wurde. Da Jesus Christus als das wahre
"Ebenbild Gottes" betrachtet wird (z.B. 2 Korinther 4,4), ist jeder Mensch dazu aufgefordert, ihm zu
„folgen" oder „im (in seinem) Geist zu wandeln".
In der christlichen Ethik wird das sehr ernst genommen: es bedeutet, daß weder die Natur an sich,
obwohl sie Gottes Schöpfung ist, noch die Kultur die Grundlage christlicher Ethik sein kann. Wegen
der Gebrochenheit der Schöpfung lassen sich aus Natur und Kultur keine eindeutigen Normen ableiten.
Sie müssen gedeutet, und, wenn nötig, im Licht des Evangeliums korrigiert werden.
Das heißt jedoch nicht, daß für Christinnen und Christen die Antworten von vornherein klar wären. Die
Bibel hat Autorität, und viel Weisheit ist in ihr und in der christlichen Überlieferung enthalten, aber in
den meisten Fällen ist es nicht möglich, direkte Verbindungen zu bestimmten moralischen Fragen der
Gegenwart zu ziehen (zum Beispiel im Fall des Klonens und der Reagenzglasbefruchtung). Das fordert
auf neue Weise heraus und bietet neue Möglichkeiten des Verstehens unter sich ständig ändernden
sozialen Gegebenheiten. Entwicklungen in Wissenschaft und Technik konfrontieren uns mit neuen
ethischen Fragestellungen und werfen auch andere Fragen auf. Nicht zuletzt gibt es eine Vielzahl von
Meinungen nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in den Kirchen. Wir sehen dies als
Herausforderung an herauszufinden, was es heute und in naher Zukunft heißt, Jesus Christus
nachzufolgen und "im Geist zu wandeln" (Galater 5, 25). Wir treten für Offenheit ein, innerhalb und
außerhalb der Kirchen, damit ein offener Dialog über die moralisch vertretbaren Wege in die Zukunft
unserer Gesellschaft entstehen kann.
Daß Wissenschaft und Technik immer wieder neue Grenzen überschreiten gehört zur Eigenart der
Menschen. Und Freiheit für die Wissenschaft ist in der westlichen Kultur ein wichtiger, hart
erkämpfter Wert (obwohl die christliche Kirche in dieser Hinsicht oft eine fragwürdige Rolle gespielt
hat). Trotzdem sind Wissenschaft und Technik nicht eigenständig und wertfrei. Sie gehören in einen
kulturellen, sozialen und ökologischen Zusammenhang und sollten der Menschheit dienen, nicht ihren
Hauptakteuren. Auf diese Weise sollten sie dazu beitragen, "menschliches Leben menschlich zu
machen und menschlich zu erhalten" (P. Lehmann). Es bedeutet, daß Wissenschaftler,
Industriemanager und Politiker eine öffentliche Verantwortung haben und sich darüber klar sein
müssen, daß es moralische Grenzen gibt ("conscience des limites"), die Ruhm und Gewinn
entgegenstehen können. "Tun können" heißt nicht "tun sollen" und schon gar nicht "tun müssen".
Außerdem ist der Markt weder das entscheidende ethische Kriterium noch die Quelle der Ethik.
Wissenschafts- und Wirtschaftsethik erfordern unablässige Aufmerksamkeit in einem unabhängigen
und multidisziplinären Rahmen. Diese Welt soll eine Welt sein, in der das Leben für alle Geschöpfe
jetzt und in Zukunft lebenswert ist.
Im Zusammenhang mit neuen Entwicklungen in Biomedizin und Biotechnik wird oft der Ausdruck
"Gott spielen" verwendet. Vom christlichen Standpunkt her gesehen ist dieser Ausdruck zweideutig:
wir können sagen, daß Menschen als Ebenbilder Gottes dazu ausersehen sind, "Gott zu spielen" in dem
Sinn, daß ihnen ein verantwortungsbewußter Umgang mit der Welt aufgetragen ist. Meistens wird der
Ausdruck aber verwendet, um auf einen anderen Aspekt hinzuweisen, das Überschreiten menschlicher
Grenzen dadurch, daß wir uns eine Rolle anmaßen, die uns nicht zusteht. Nach dieser Vorstellung
haben Menschen weder das Wissen noch den Weitblick, um sorgfältig und verantwortungsbewußt
genug gentechnisch arbeiten zu können. Wir meinen, eine derart extreme Vorsicht ist nicht
gerechtfertigt, aber sie kann dazu dienen, unseren Ehrgeiz zu zügeln. Selbstverständlich ist es
notwendig, Entwicklungen Fall um Fall kritisch zu prüfen. Wir sollten danach fragen, ob sie ethische
und soziale Grundwerte verletzen oder stützen und ob wir damit unsere Fähigkeiten und unsere
Stellung in der Schöpfung verantwortlich nutzen.
Obwohl das biblische Verständnis eine Art Anthropozentrismus (eine auf den Menschen bezogene
Sicht der Schöpfung) beinhaltet, muß dies, wie bereits erwähnt, als Verpflichtung zum
verantwortlichen Umgang mit der Natur verstanden werden. Das bedeutet eine Haltung der Sorge, des
Schützens und der Vorsicht gegenüber Flora und Fauna. Als Teil der Schöpfung haben sie einen
Eigenwert. Obwohl sie, wenn nötig, für die Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen genutzt
werden können, dürfen sie nicht darauf reduziert werden, nichts als Waren auf einem vom Wettbewerb
beherrschten Markt zu sein.
In der Wirtschaft müssen wir dem verantwortlichen Umgang mit der Schöpfung als einem Leitprinzip,
das den ausschließlichen Forderungen nach Profit und Effizienz Grenzen setzt, wieder Geltung
verschaffen. Das Prinzip setzt auch dort Grenzen, wo Modelle aus der industriellen Massenproduktion
unter dem Begriff "biologisches Material" auf die Welt der Lebewesen übertragen werden. Dies gilt
sowohl für die traditionelle Züchtung wie für Klonierung und Patentierung von Lebewesen.
Einige der neuen biotechnologischen Entwicklungen werden wirklich nützlich sein, aber andere
werden die Schöpfung zugunsten eines unbedeutenden Gewinns für Menschen mißbrauchen. Die
gentechnische Veränderung von Nutztieren, die dann in ihrer Milch medizinisch verwendbare Proteine
produzieren, scheinen eine nützliche Entwicklung und ein verhältnismäßig geringfügiger Eingriff zu
sein, während Xenotransplantation sehr viel schwerwiegendere Probleme stellt. Wir müssen auch
falsche oder übertriebene Versprechungen der Biotechnologie in Frage stellen. Die Begründung,
Gentechnik sei wesentlich, um dem weltweit wachsenden Bedarf an Nahrungsmitteln nachzukommen,
geht an den meisten Anwendungsbereichen vorbei, bei denen der Hauptbeweggrund eher höhere
Produktionseffizienz für Nahrungsmittel in den westlichen Industrienationen ist als ein Beitrag, um
den Grundbedarf der Menschen in der Dritten Welt zu stillen, die nicht genug zu essen haben und
denen es an Mitteln fehlt, Nahrung zu kaufen.
Biomedizinische Fragestellungen
Ende 1997 hat der Europarat ein Zusatzprotokoll zur Konvention zum Schutz der Menschenrechte und
Menschenwürde im Hinblick auf die Anwendung der Biologie und Medizin angenommen, daß das
Verbot, Menschen zu klonen, zum Gegenstand hat. Das Protokoll wurde am 12. Januar 1998 in Paris
von 19 Mitgliedsstaaten unterzeichnet.
Seit 1997 hat die EECCS den Beobachterstatus im Ausschuß für Bioethik des Europarates.
Dieser Abschnitt nennt einige Beispiele biomedizinischer Fragestellungen, mit denen sich die Gruppe
vorrangig befaßt hat. Die vollständige Liste der EECCS-Stellungnahmen ist am Ende
zusammengestellt.
Seit 1993, als die Arbeitsgruppe eingerichtet wurde, hat sie sich mit einer Reihe von Fragestellungen
befaßt, die aus der Arbeit europäischer Institutionen hervorgingen. Sie hat EECCS-Stellungnahmen
vorbereitet zum Menschenrechtsübereinkommen zur Biomedizin, zu Reproduktionsmedizin und
Embryonenschutz, zur EU-Richtlinie zum Schutz biotechnologischer Erfindungen (die sogenannte
Patentierungsrichtlinie) und zur Klonierung. Die nun folgenden Punkte sollen einen Eindruck vom
Inhalt dieser Arbeiten vermitteln.
Die Arbeitsgruppe bereitet im Augenblick Stellungnahmen zur Reproduktionsmedizin und zur
Problematik des Alterns vor. Sie prüft die Möglichkeiten für eine Konferenz, auf der die Positionen
unterschiedlicher Kirchen (einschließlich der römisch-katholischen Kirche) dargelegt werden sollen.
Aus biblischer Sicht soll menschliches Leben im vollen Sinn des Wortes menschlich sein. Obwohl
biologische Gegebenheiten (einschließlich genetischer Information) notwendige Bedingungen für
menschliches Leben sind, besteht Leben nicht nur aus biologischen Gegebenheiten. In anderen Worten,
niemand sollte auf sein/ihr Erbgut reduziert werden. Zum menschlichen Leben gehören auch
Beziehungen, Gefühle, Kultur, Geist. Es kann begriffen werden als Leben, das von der Liebe Gottes
und des Nächsten überstrahlt ist.
Da künstliche Befruchtung zum Wohlbefinden und zum Glück von Menschen beitragen kann, gibt es
keinen Grund, von vornherein gegen ihre Entwicklung und Anwendung zu sein. Wir haben jedoch
allen Grund zur Vorsicht, denn diese Technologie hat mit dem Beginn menschlichen Lebens und dem
Umgang mit Embryonen zu tun. Früher oder später heißt Forschung auf diesem Gebiet Forschung an
menschlichen Embryonen. Und Forschung an Embryonen hat ebenfalls Bedeutung für andere
biomedizinische Bereiche (zum Beispiel die Erforschung der Parkinsonschen Krankheit). Wir möchten
klarstellen, daß das, was entwickelt wurde, um kinderlosen Ehepaaren zu helfen, nicht automatisch
weitere Forschungsbereiche eröffnen darf. Außerdem ist Kinderlosigkeit als solche nicht zwingend
eine Rechtfertigung für Embryonenforschung. Kurz, es besteht die Gefahr des Abgleitens, die das
schon vorher erwähnte "conscience de limites" (auch politisch) sehr wichtig werden lassen.
Was menschliche Embryonen oder Föten betrifft, sollte noch einmal betont werden, daß ein Mensch
mehr ist als seine DNA (oder sein Erbgut). Christliche Anthropologie erlaubt keine Trennung zwischen
biologischen Grundlagen und menschlichen Beziehungen. Kreatürliches Leben als solches, losgelöst
vom Beziehungsgeflecht, in dem es entsteht und sich entwickelt, hat keine absolute "ontologische"
Bedeutung. Wenn also vom menschlichen Embryo als einem zukünftigen Kind oder einer sich
entwickelnden Person gesprochen wird, sollte dies im Zusammenhang mit den menschlichen
Beziehungen, in die er eingebettet ist, geschehen, genauer gesagt den Beziehungen zu seinen Eltern
oder seiner Familie. Aufgrund moderner Technologie hängt es jedoch (manchmal) von unserer
Entscheidung ab, ob Embryonen außerhalb des mütterlichen Schoßes im Netz menschlicher
Beziehungen eingeflochten bleiben oder nicht. Es hat mit der Entscheidung zu tun, ob ein Embryo in
den Schoß der zukünftigen Mutter verpflanzt wird und zu einem Kind heranwachsen darf. Diese
Zunahme an Verantwortung am Beginn menschlichen Lebens erfordert klares und sorgfältiges
moralisches Erwägen, besonders wenn es um überzählige Embryonen und ihre Stellung in unserem
Wertesystem geht.
Angesichts der Reproduktionsmedizin möchten wir unterstreichen, daß wir aus christlicher Sicht
Kinder immer noch als Gabe Gottes und nicht als Menschenrecht betrachten. Menschen wurden nicht
zuallererst dazu erschaffen, um Kinder zu haben, sondern um im Alltag Gott und den Nächsten zu
lieben. So traurig es auch sein mag, keine Kinder zu haben: menschliches Leben kann auch ohne
eigene Kinder erfülltes Leben sein.
Uns ist aufgetragen, Gott in Christus in seiner Liebe zu den Armen, Schwachen, Kranken und
Verlorenen nachzufolgen. Das gilt selbstverständlich auch für den Umgang mit Menschen, die nicht
für sich selbst entscheiden können. Aber das heißt nicht, daß jede Forschung an solchen Menschen von
vornherein und im Prinzip verboten ist. Ein Beispiel: wenn ein Medikament gegen die Alzheimersche
Krankheit entwickelt werden soll, wird unweigerlich der Zeitpunkt kommen, zu dem seine Anwendung
an Alzheimerpatienten erprobt werden muß. Wir möchten hier zwischen therapeutischer Forschung,
die zum Wohl des Patienten geschieht, und nicht-therapeutischer Forschung zum Wohl anderer
unterscheiden. Sach- und menschengerecht durchgeführte therapeutische Forschung an Menschen, die
nicht selbst entscheiden können, ist durchaus gerechtfertigt. Wir glauben jedoch, daß es, wenn
überhaupt, dann nur sehr selten gerechtfertigt wäre, nicht-therapeutische Forschung an diesem
Personenkreis vorzunehmen. Die Frage ist: wie soll unsere Absicht zu schützen in diesen sehr
schwierigen Situationen konkret in die Tat umgesetzt werden ?
Was Patentierung angeht, ist es ein ethisches Problem, daß Forderungen aus der Wirtschaft nun die
normalen Unterschiede zwischen lebendig und nicht lebendig, Entdeckung und Erfindung allmählich
verschwimmen lassen. Die Kenntnis eines Gens allein sollte nicht patentierbar sein, genau so wenig
wie ein transgenes Lebewesen - Tier oder Pflanze - wenn nur eine winzige Gensequenz daran
verändert und "neu" ist. Darüber hinaus scheint tatsächlich die Gefahr zu bestehen, daß gentechnisch
veränderte Organismen nur noch als Waren auf einem globalen Markt betrachtet werden.
EECCS Juni 1998
(Deutsche Übersetzung August 1998 Elisabeth Bücking)
Mitglieder der Arbeitsgruppe:
Dr Donald Bruce (Wissenschaftler), Gesellschaft, Religion und Technologie Projekt, Kirche von
Schottland
Dr Elisabeth Bücking (Biologin) Ökumenisches Forum Christlicher Europäischer Frauen
Prof Jean-François Collange (Theologe) Fédération protestante de France
Dr Gunnar Heiene (Theologe) Nordischer Ökumenischer Rat
Prof Dr Jürgen Hübner (Theologe) Evangelische Kirche von Deutschland
Dr Mireille Jemelin (Biologin) Schweizer Evangelischer Kirchenbund
Rev. Neil Messer (Biologe und Theologe) Churches Together in Britain and Ireland
Prof Anna Rollier (Genetikerin) Evangelischer Kirchenbund in Italien
Prof Egbert Schroten (Theologe) Rat der Kirchen in den Niederlanden, Vorsitzender
Team der EECCS :
Keith Jenkins, Generalsekretär
Pfarrer Richard Fischer, Exekutivsekretär
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