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Das Klonen von Tieren und Menschen

aus ethischer Sicht

Das Exekutivkomitee der Europäischen Ökumenischen Kommission für Kirche und Gesellschaft (EECCS) kam überein, diese Schrift den Kirchen in Europa zugänglich zu machen, damit sie die Fragestellungen, die sich aus der Klonierungstechnik ergeben, verstehen und diskutieren können. Das Exekutivkomitee dankt den Mitgliedern der Arbeitsgruppe "Bioethik" (Namensliste siehe Ende der Schrift) für das Verfassen dieses Dokuments.

Einführung

Die Arbeitsgruppe "Bioethik" der Europäischen Ökumenischen Kommission für Kirche und Gesellschaft ist in besonderer Weise in der Lage, die vielen ethischen Fragestellungen, die aufgetaucht sind, kompetent zu kommentieren. Lange bevor Dolly, das geklönte Schaf, eine Weltsensation wurde, war eine unserer Gliedkirchen bereits mit den Wissenschaftlern des Roslin-Instituts in Edinburgh über Gentechnik und damit verbundene Fragestellungen im Gespräch. Eine Reihe von EECCS-Mitgliedern haben Erklärungen und Kommentare zu diesem Thema abgegeben (1). Wir können daher die grundsätzlichen und praktischen Fragen, die sich für Tiere und Menschen als Folge dieser Forschungstätigkeit stellen, auf dem Hintergrund umfassender Informationen kommentieren.

Wir begrüßen, daß das Europäische Parlament und der Europarat, in seinem Zusatzprotokoll zur "Bioethikkonvention"(2), das Klonen von Menschen ablehnen. Wir sind jedoch beunruhigt darüber, daß die ethischen Bedenken bezüglich des Klonens von Tieren von beiden Institutionen nur ungenügend aufgenommen wurden, obwohl sie in Europa weit verbreitet sind Die Stellungnahme der Beratergruppe für ethische Fragen bei der Europäischen Kommission erweist sich in dieser Hinsicht als viel weitblickender. Wir sind auch besorgt über Probleme, die sich aus der Kerntransfer-Technik und ihrer Anwendung in der Medizin, über die oft spekuliert wird, ergeben können.



Klonen - einige wichtige Unterscheidungen

Klonen ist ein Begriff, der inzwischen ziemlich sorglos benutzt wird, und wir würden gerne klarstellen, was wir damit meinen. Es geht nicht um das Herstellen menschenähnlicher Roboter oder ähnliche science fiction - Phantasien, sondern um die erbgleiche Kopie eines einzelnen Organismus. Bei Säugetieren geschieht dies entweder durch Zerteilen eines Embryos in einem frühen Entwicklungsstadium oder durch die Technik des Roslin-Instituts, den Kerntransfer. Da es in den Medienberichten einige Verwirrung gab, ist es wichtig, einiges grundsätzlich auseinanderzuhalten. Man muß unterscheiden

- zwischen dem Klonen von Tieren, das bereits möglich ist, und dem Klonen von Menschen, das bis jetzt nichts weiter als eine spekulative Möglichkeit ist und vielleicht nie stattfinden wird,

- zwischen dem Klonen eines ganzen Organismus - "reproduktives Klonen" genannt - und dem Klonen einzelner Zellen in Zellkulturen für medizinische oder tiermedizinische Zwecke. Auch in Zellkulturen kann die Kerntransfer-Technik angewandt werden. Letzteres wurde mit dem etwas umstrittenen Begriff "therapeutisches Klonen" bezeichnet,

- zwischen dem Klonen von Tieren für spezielle Forschungszwecke oder eine begrenzte Anwendung und der allgemeinen Anwendung dieser Technik zum Beispiel in der Tierzucht,

- zwischen der unvorhersehbaren Entstehung von Zwillingen im Uterus und dem absichtlichen Klonen eines bekannten, schon existierenden Individuums.

Auf diese Unterschiede werden wir im folgenden immer wieder verweisen.



Zehn Schlüsselfragen

Wir werden die Problematik anhand der folgenden zehn Fragen beleuchten.

  • Wie sollte eine Gesellschaft ihr biotechnologisches Können nutzen?

  • Was bedeutet Klonen im Zusammenhang mit unserem Verständnis von der Welt?

  • Gibt es Bedingungen, unter denen die Klonierungstechnik bei Tieren eingesetzt werden sollte?

  • Ist Klonen von Tieren unter Tierschutzaspekten akzeptabel oder nicht?

  • Sollte es jemals erlaubt sein, Menschen zu klonen - welches sind die ethischen Einwände und die konkreten Gefahren?

  • Unter welchen Bedingungen, wenn überhaupt, könnte es ethisch akzeptabel sein, Klonierungstechniken in der Humanmedizin oder in der medizinischen oder tiermedizinischen Forschung zu benutzen?

  • Wäre es ethisch akzeptabel, geklonte menschliche Embryonen zu Forschungszwecken herzustellen?

  • Wäre es ethisch akzeptabel zu versuchen, tierische oder menschliche Körperzellen umzuprogrammieren, so daß einzelne Organe entstehen - vorausgesetzt, das wäre technisch machbar?

  • Wie sollte die entsprechende Forschung kontrolliert und der Öffentlichkeit gegenüber verantwortet werden?

  • Wo sind die Grenzen für technische Eingriffe bei der menschlichen Fortpflanzung, beim Versagen von Organen und im Prozeß des Alterns?



Biotechnologie im größeren Zusammenhang

1. Wie sollte eine Gesellschaft ihr biotechnologisches Können nutzen?

Es gehört zu unserer menschlichen Natur, daß wir Wege suchen, um die uns umgebende Schöpfungsordnung zu prägen. Wenn wir aber von Schöpfung reden, sollte das nicht als einmaliges Ereignis verstanden werden, sondern als etwas, das die ununterbrochene evolutionäre Entfaltung der natürlichen Ordnung einschließt, die Gott erschaffen hat und erhält. Wenn der alte Schöpfungsbericht den Menschen als "Ebenbild Gottes" beschreibt, der Tieren einen Namen gibt, ist damit in der Tat etwas Schöpferisches angesprochen. Wir sind daher als Christen gewiß nicht gegen Bio-technologie oder biomedizinische Forschung als solche. Wir sind uns jedoch dessen bewußt, daß nicht jede Entwicklung notwendigerweise akzeptabel ist, und daß wir die Impulse, die die Biotechnologie lenken und Prioritäten setzen, kritisch hinterfragen müssen. Zweifellos waren wir in den vergangenen Jahren Zeugen eines bedeutenden Fortschritts. Wir verstehen inzwischen die Mechanismen, die viele Lebensabläufe steuern, sehr viel besser. Aber je tiefgreifender die Methoden werden, die wir benutzen, desto mehr müssen wir nicht nur bedenken, was technisch möglich ist, sondern auch was mit uns Menschen geschieht, wenn wir zu jeder Möglichkeit, die die Wissenschaft bieten mag, "ja" sagen. Der Impuls, "auszuprobieren, ob es geht", der manchmal die eigentliche treibende Kraft für Entwicklungen zu sein scheint, muß in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Molekularbiologie ist in mancher Hinsicht eine unausgereifte Wissenschaft. Sie hat begonnen, sich ihrer Macht bewußt zu werden, hat aber bis jetzt keinen Weg gefunden, diese Macht im Einklang mit einer umfassenderen Auffassung vom Leben und einem wirklichkeitsnahen Verständnis der menschlichen Natur zu nutzen.

Unsere christliche Tradition lehrt uns, gegenüber romantischen Vorstellungen von der unaufhaltsamen Verbesserung menschlicher Bedingungen und vom wissenschaftlichen Fortschritt, wie sie in manchen wissenschaftlichen und politischen Kreisen vorherrschen, skeptisch zu sein. Wenn wir auch Forschung unterstützen, sind wir uns doch gleichzeitig der menschlichen Begrenztheit und Fehlerhaftigkeit bewußt. Wir wissen manchmal weniger über die Vorgänge des Lebens, als wir glauben, und die menschliche Natur neigt bedauerlicherweise genauso dazu, unsere gottgegebenen Fähigkeiten zu mißbrauchen wie sie gut zu gebrauchen. Die Bibel lehrt eine ganzheitliche Sicht menschlichen Lebens, das sich in Beziehungen erfüllt. Respekt gegenüber der menschlichen Person und gegenüber unseren Beziehungen, untereinander und zur übrigen Schöpfung, sind daher wichtigere Kriterien als Fortschritt, wirtschaftliche Blüte und medizinische Neuerungen um der Neuerungen willen. So gut diese sein können, sind sie doch keine absolute Werte. Wir ziehen daraus den Schluß, daß nicht jeder technische Fortschritt in der Biotechnologie notwendigerweise wünschenswert ist. Es gehört zum Reifungsprozeß der Biotechnologie zu lernen, wann ein "Nein" und wann ein "Ja" angebracht ist. Das gilt besonders für das Klonen.



Grundsätzliches zum Klonen

2.Was bedeutet Klonen im Zusammenhang mit unserem Verständnis von der Welt?

Es gibt Stimmen, die fordern, man müsse schnell die wirtschaftlichen Möglichkeiten neuer Entdeckungen ausschöpfen, und sie spekulieren über den möglichen Nutzen, der aus dem Klonen zu ziehen wäre. Wir müssen diese naive Haltung hinterfragen. Wir sollten erstens überlegen, ob wir Gottes Schöpfung damit grundsätzlich etwas Falsches antun, und zweitens, ob dieser Nutzen auf Kosten wichtigerer Seiten unserer Menschlichkeit und unserer Sorge für die Schöpfung geht. In der Tat wird das Klonen von Menschen fast allgemein intuitiv für grundsätzlich falsch gehalten, aber es ist wichtig, nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit dem Kopf zu reagieren und zu prüfen, auf welchen umfassenderen Grundsätzen eine solche Intuition beruht. Manche Argumente halten einer kritischen Prüfung nicht stand, aber andere sind wesentlich.

Zum Beispiel kann man nicht behaupten, Klonen sei absolut unnatürlich, denn es kommt relativ häufig bei Pflanzen vor. Säugetiere und Menschen vermehren sich jedoch durch geschlechtliche Fortpflanzung. Nur bei der Zwillingsbildung kann ein Embryo sich teilen, sodaß zwei erbgleiche Individuen entstehen, ein ungeschlechtlicher Prozeß analog dem Klonen. Daraus ergibt sich die Frage, ob wir diesen biologischen Unterschied respektieren sollen, oder ob wir unsere menschliche Fähigkeit, ihn zu umgehen, bejubeln sollen. Das führt uns dazu, das Wesen der Welt, unseres Menschseins und unserer Fortpflanzung zu bedenken.

Für Christen ist die Welt, die uns umgibt, Gottes Schöpfung, und eines ihrer Kennzeichen ist die Vielfalt. Das Gesamtbild, das die Bibel zeichnet, ist das einer Schöpfung, deren Vielgestaltigkeit als solche schon ein Grund dafür ist, den Schöpfer zu loben. Diese Freude an der Vielfalt spiegelt sich vielleicht in einer der Grundregeln der konventionellen Tier- und Pflanzenzucht wider - daß Arten, die sich geschlechtlich fortpflanzen, eine gewisse genetische Vielfalt aufrechterhalten müssen. Wenn diese Vielfalt durch menschlichen Eingriff reduziert wird, wie das bereits mit solchen Techniken wie künstlicher Befruchtung und Embryotransfer bei Kühen geschieht, sollte uns das alarmieren. Das Klonen, bei dem erbgleiche Tiere entstehen, wäre ein weiterer Schritt in diese Richtung. Für manche verletzt der Gedanke, daß die genetische Vielfalt zugunsten eines einzelnen Bauplans dadurch aufgegeben wird, daß auf Bestellung erbgleiche Tiere oder sogar Menschen hergestellt werden, etwas Gottgegebenes in der Natur der Dinge. Sie vertreten die Meinung, Klonen sei daher absolut falsch, unabhängig davon, wofür es benutzt wird. Dies scheint das Argument der genetischen Vielfalt überzustrapazieren. Das Klonen bedeutet angesichts zunehmender technischer Eingriffe unter diesem Gesichtspunkt kein Überschreiten einer klaren Grenze, die zu seiner Einschränkung führen müßte.

Vielfalt ist bestenfalls ein Teilargument. Es gibt noch andere Faktoren, die berücksichtigt werden müssen - die Kontrolle darüber, was geklont wird, der Grad an Instrumentalisierung, die Größenordnung und das Ziel. Es ist einfacher, in einem konkreten Zusammenhang zu zeigen, wie diese Kriterien anzuwenden sind. Wir befassen uns zunächst mit dem Klonen von Tieren, da sich hier das Problem am unmittelbarsten stellt.



Klonen von Tieren

3. Gibt es Bedingungen, unter denen die Klonierungstechnik bei Tieren eingesetzt werden sollte?

4. Ist Klonen von Tieren unter Tierschutzaspekten akzeptabel oder nicht?

Die Experimente in Edinburgh sind in die langjährige Arbeit des Roslin-Instituts einzuordnen, die zum Ziel hat, Schafe und Kühe gentechnisch so zu verändern, daß medizinisch wertvolle Proteine in ihrer Milch produziert werden. Das erste Produkt - ein Protein zur Behandlung von Lungenschäden bei Emphysem und Mucoviscidose - hat das erste Stadium klinischer Versuche durchlaufen, und es wird erwartet, daß viele weitere Produkte folgen. Als die Forschergruppe Kerntransfer-Methoden entwickelte, war ihr oberstes Ziel nicht, geklonte Tiere herzustellen, sondern bessere Wege zu finden, Nutztiere in der vorgesehenen Art gentechnisch zu verändern. Die gegenwärtige Methode, in die befruchteten Eizellen DNA zu injizieren, funktioniert nach dem Zufallsprinzip und ist wenig leistungsfähig. Es wäre sehr viel effizienter, die gentechnische Veränderung in vitro durchzuführen und dann nur die erwünschten Zellen auszulesen, wenn nur ein Weg gefunden werden könnte, aus Zellen einer Zellkultur ganze Tiere heranwachsen zu lassen. Das war bei Nutztieren nicht möglich, bis im Juli 1997 das Roslin-Institut die Geburt des Lammes Polly mitteilte, des ersten transgenen Tieres, das durch Kerntransfer entstanden war. Die Tatsache, daß dieses Schaf ein Klon ist und damit genetisch fast völlig mit einem Elterntier übereinstimmt, hätte in diesem Fall nur begrenzte Bedeutung. Fünf bis zehn solcher Klone sollen als Elterntiere einer Herde hergestellt werden, die sich dann normal weiter fortpflanzt. In diesem besonderen Zusammenhang, in dem es nicht die Hauptabsicht war, das Tier als solches zu klonen, und in dem natürliche Methoden nicht weiterführen, scheint es ethisch vertretbar, die Klonierungstechnik einzusetzen. Aber es gibt auch Zweifel daran, daß dies gerechtfertigt sei. Es ist noch zu früh, um genaueres über andere spezifische Anwendungen zu sagen, aber sie müßten in jedem Fall kritisch geprüft werden, zum Beispiel, ob vorsätzlicher, in anderen Größenordnungen oder für einen unbedeutenderen Zweck geklont wurde. Jede Nutzung dieser Technik muß außerdem der Bedingung genügen, daß dabei neu aufgetauchte Fragen des Tierschutzes befriedigend gelöst werden können, zum Beispiel das Auftreten ungewöhnlich großer Föten und perinatale Probleme. Im Augenblick ist es noch zu früh, diese Problematik zu bewerten.

Sobald es möglich geworden war, Nutztiere für einen speziellen Zweck in begrenztem Umfang zu klonen, wiesen die Entdecker dieser Möglichkeit schnell darauf hin, daß diese Technik auch allgemein in der Tierzucht anwendbar sei. Aber wäre das ethisch akzeptabel? Diese Frage wurde fast immer bei der ethischen Bewertung des Klonens vernachlässigt, und wir möchten dies nun nachholen. Um Hochleistungstiere für die Milch- und Fleischproduktion zu klonen, sind eine Reihe von Anwendungsmöglichkeiten vorgeschlagen worden. Dafür gibt es bereits konventionelle Zuchtmethoden. Hauptmotive sind, aus produktionswirtschaftlichen Gründen mehrere Generationen beim Züchten zu überspringen, Verbrauchervorlieben entge-genzukommen, oder Bequemlichkeit. In anderen Bereichen der Tierzucht hat sich bereits gezeigt, wie sehr wir die Würde der Tiere der Produktionseffizienz geopfert haben. Wir müssen uns daran erinnern, daß wir es mit einzelnen Geschöpfen zu tun haben, nicht mit leblosen Waren auf einem Fließband. Wir halten diese Art der Anwendung nicht für ethisch vertretbar, da sie die Regeln der Massenproduktion aus den Fabriken noch einen weiteren Schritt, zu weit, in das Tierreich hineintragen würde. Genauso wie im Alten Testament ein Ochse keinen Maulkorb tragen durfte, wenn er das Korn drosch, haben alle Tiere gewisse Freiheiten, die wir ihnen erhalten sollten. Wir können Tiere bis zu einem gewissen Grad nutzen, aber wir müssen uns daran erinnern, daß sie zuallererst Gottes Geschöpfe sind, denen wir nicht alles antun dürfen, was wir mögen. Wir möchten unterscheiden zwischen solchen Anwendungen, die vorwiegend wirtschaftliche Vorteile bringen, und solchen, die auch den Tieren nützen, wie z.B. die Erforschung von Krankheitsresistenz, für die nicht die gleichen Einwände gelten.



Klonen von Menschen

5. Sollte es jemals erlaubt sein, Menschen zu klonen - welches sind die ethischen Einwände und die konkreten Gefahren?

Es ist alles andere als sicher, daß die Technik, die Dolly hervorgebracht hat, bei anderen Tieren oder gar bei Menschen funktionieren würde. Nach unserem derzeitigen Wissen würde die Zahl der Mißerfolge und der abnormal großen Föten beim Klonen von Tieren bedeuten, daß die Anwendung dieser Technik auf Menschen ein ernstes medizinischen Risiko wäre, nicht nur, weil die Kinder geschädigt sein könnten, sondern auch, weil das Leben der Frau, die einen Klon austrägt, in Gefahr wäre. Das ist ein starkes Argument dagegen, bei Menschen mit entsprechenden Versuchsprogrammen zu beginnen. Klonen von Menschen könnte zu gefährlich sein, als daß es versucht werden sollte, obwohl es von manchen aus einer idealistischen Auffassung vom Fortschritt der Wissenschaft heraus gefordert wird. Trotzdem ist es wichtig, die ethischen Folgen der Anwendung dieser Technik am Menschen zu bedenken.

Als Christen halten wir es grundsätzlich für ethisch unannehmbar, Menschen zu klonen. Sich dafür zu entscheiden, technisch einen Menschen mit dem gleichen Erbgut noch einmal herzustellen, wurde als eine Verletzung der Würde und Einzigartigkeit jedes Menschen als Ebenbild Gottes beschrieben, aber es ist wichtig, genauer darzustellen, worum es geht. Die Hauptfragen konzentrieren sich auf das Ausmaß an Macht, das ein Mensch über die genetische Konstitution eines anderen haben könnte, die Art, wie diese Technik dazu tendiert, über Menschen zu verfügen und das Risiko, daß psychologischer Schaden hervorgerufen und zwischenmenschliche Beziehungen gestört werden.

Das biblische Menschenbild beinhaltet, daß wir viel mehr sind als unsere Gene, aber Gene sind grundlegend für unsere Beschaffenheit. Definitionsgemäß bedeutet Klonen eine bisher nie dagewesene Einflußnahme auf diese Dimension eines anderen Menschen. Diese Macht eines Menschen über einen anderen ist unverträglich mit dem ethischen Begriff der menschlichen Freiheit in dem Sinn, daß jedermanns genetische Eigenart ihrem Wesen nach unvorhersagbar und unplanbar ist. Hier zeigt sich auch der wichtige ethische Unterschied, der sich ergibt, wenn man sich zum Klonen eines bereits existierenden Menschen entschließt, im Gegensatz zur unvorhersagbaren Entstehung eineiiger Zwillinge im Mutterleib, deren Erbgut unbekannt ist. Daher kann die Tatsache allein, daß es Zwillingsbildung natürlicherweise gibt, nicht als Rechtfertigung für das Klonen herangezogen werden.

Außerdem hätte Klonen in den meisten Anwendungsbereichen, für die es vorgeschlagen wurde, zur Folge, daß über beide, Klon und Geklonten, wie über eine Sache verfügt wird. Die christliche Theologie macht eine wichtige Unterscheidung: Sie erlaubt in begrenztem Umfang Nutzung von Tieren, verbietet aber Verfügung über Menschen. Ein leukämiekrankes Kind zu klonen, um Zugang zu passendem Knochenmark zu haben, würde heißen, daß das mit dieser Technik entstandene Geschwister zu einem Zweck verwendet würde, eher zum Nutzen Dritter als um der Beteiligten selbst willen, und ohne deren Einwilligung. Ausgenommen von diesem Einwand wäre der Fall eines unfruchtbaren Paares, wenn einer der Partner ein Kind durch Klonen erzeugen würde. Das hätte andere Probleme zur Folge. Statt ein einzigartiges Wesen zu sein, das mit Erbgut von beiden Eltern ausgestattet ist, ist dieses Kind dann die Kopie eines Elternteils. Für viele wäre das eine Abkehr von den Grundvoraussetzungen der Fortpflanzung. Psychologisch gesehen weiß niemand, welche Auswirkungen es auf das menschliche Selbstbewußtsein und die zwischen- menschlichen Beziehungen haben wird, wenn ein Zwilling des Vaters oder der Mutter in eine andere Generation und Umgebung hinein geboren wird. Würde der Klon sich wie eine Kopie von jemandem fühlen, der oder die bereits existiert hat? Oder hätte er ein eigenes Selbstbewußtsein? Es wäre sicher falsch, jemanden bewußt einem solchen unbekannten Risiko auszusetzen.

Schließlich würde das Klonen von Menschen das ernste Risiko des Mißbrauchs durch solche Menschen in sich bergen, die diese Technik gewissenlos für sich nutzbar machen wollen. Obwohl es unwahrscheinlich ist, daß sie je in größerem Maßstab angewandt werden wird, besteht die Gefahr, daß unrealistische Heilungsversprechungen gemacht und finanzielle Anreize für gefährliche Verfahren geboten werden. Klonen von Menschen sollte weltweit mit einem Bann belegt werden. Wir wissen wohl, daß es unmöglich wäre, eine "Hinterhofklinik" oder ein totalitäres Regime zur Beachtung eines solchen internationalen Vertrages zu zwingen, aber es muß eine Grenze gezogen werden. Auch ist, sozusagen als zweite Verteidigungslinie, ein ethisches Bewußtsein unter Wissenschaftlern zu fordern. Diese Art von Forschung zu betreiben sollte unvereinbar mit den Grundsätzen ihres Berufes sein. Die Haltung der Wissenschaftler aus Edinburgh, die den Gedanken, Menschen zu klonen, als unethisch von sich weisen, ist ein gutes Beispiel.



Begrenzte Nutzung von Klonierungsmethoden

6. Unter welchen Bedingungen, wenn überhaupt, könnte es ethisch akzeptabel sein, Klonierungstechniken in der Humanmedizin oder in der medizinischen oder tiermedizinischen Forschung zu benutzen ?

7. Wäre es ethisch akzeptabel, geklonte menschliche Embryonen zu Forschungs- zwecken herzustellen ?

8. Wäre es ethisch akzeptabel zu versuchen, tierische oder menschliche Körperzellen umzuprogrammieren, so daß einzelne Organe entstehen - vorausgesetzt, das wäre technisch machbar ?

Es hat viele Vorschläge gegeben, wie die Kerntransfer-Technik in einem viel engeren Rahmen benutzt werden könnte, um Prozesse der Zelldifferenzierung, des Alterns, der Unfruchtbarkeit zu erforschen und vielleicht auch, um menschliche Hautzellen umzuprogrammieren, damit zum Beispiel Knochenmark entsteht, das Leukämiekranken eingepflanzt werden könnte. Das sind bis jetzt nur theoretische Gedankenspiele. Viele dieser Ansätze würden weitere, bedeutende Durchbrüche in der Grundlagenforschung erfordern, und das vor dem Hintergrund, daß die Voränge gegenwärtig wissenschaftlich außerordentlich unvollkommen verstanden sind. In diesem Stadium wäre es voreilig, von vornherein all diese begrenzten Anwendungen von Klonierungsmethoden auszuschließen, aber wenn man nicht weiß, wie sie vonstatten gehen könnten, ist es schwierig, sie ethisch zu bewerten. Alle Vorhaben müßten im vorhinein sorgfältig ethisch geprüft und öffentlich diskutiert werden. Manche mögen akzeptabel sein; andere könnten furchtbare ethische Probleme aufwerfen. Selbst wenn man von der Streitfrage um die Embryonenforschung absieht, erschiene zum Beispiel die Herstellung geklonter menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken unannehmbar. Es wäre absurd, die Entstehung eines menschlichen Wesens zu erlauben, von dem man im voraus wüßte, daß man es umbringen müßte, weil seine Existenz, wenn es herangewachsen ist, als ethisch unvertretbar angesehen wird. Geklonte menschliche Organe wären ebenfalls ein Problem, wenn der einzige Weg dorthin über den Mißbrauch von Tieren in der Forschung, wie zum Beispiel den kopflosen Frosch, ginge. Der Zugang zur neuen Technologie wäre versperrt durch einen unvertretbaren Umgang mit Tieren. Welchen medizinischen Nutzen man sich auch immer versprechen mag: es gibt Dinge, die wir Tieren nie antun sollten.



Forschung - von Menschen für Menschen?

9. Wie sollte die entsprechende Forschung kontrolliert und der Öffentlichkeit gegenüber verantwortet werden?

Die Spekulationen über mögliche Anwendungen der Klonierungstechnik führen zu zwei weitergehenden Fragen: erstens gibt es bei den Vorgängen, in denen Forschungsprioritäten gesetzt werden, einen Mangel an Verantwortlichkeit der Öffentlichkeit gegenüber. Für dieses Problem bieten sich keine einfachen Lösungen an, aber zumindest deutet es auf die Notwendigkeit hin, eine ständige Ethikkommission für nicht-menschliche Biotechnologie einzurichten, deren Arbeit öffentlich kommentiert und überprüft werden kann, damit die Forschungsbereiche, in denen weitreichende ethische Folgen besonders wahrscheinlich sind, zuerst öffentlich diskutiert werden.



Ein Traum von "Unsterblichkeit"?

10. Wo sind die Grenzen für technische Eingriffe bei der menschlichen Fortpflanzung, beim Versagen von Organen und im Prozeß des Alterns?

Eine weitere Frage ergibt sich aus der Gefahr, daß die Aussicht auf einen möglichen medizinischen Nutzen als Rechtfertigung für nahezu jede neue Idee in der Biotechnologie benutzt wird. Das verweist uns auf die Motive, die Grundlage der Forschung sind. Dr. Seeds bizarre Ideen, durch Klonen unsterblich und wie Gott zu werden, sind ebenso unvereinbar mit dem christlichen Glauben, wie sie wissenschaftlich unrealistisch sind. Aber sie verraten einen zugrundeliegenden naiven Glauben an die Macht der Wissenschaft, alle menschlichen Probleme lösen zu können, der weiter verbreitet ist. Doch selbst die Reichen können nicht ad infinitum ihre Organe ersetzen. Biotechnologie eignet sich nicht als Ausflucht vor der theologischen Frage nach unserer Sterblichkeit und unserem Tod.



Schlußbemerkung:

Selbstverständlich ist diese Schrift nicht das letzte Wort in dieser schwierigen Frage, sondern der Punkt, an dem die Arbeitsgruppe mit ihren Überlegungen angelangt ist. Sie ist an Kommentaren interessiert. Bitte an das Büro von Kirche und Gesellschaft in Straßburg senden.



Mai 1998

Übersetzung ins Deutsche : Elisabeth Bücking



Anmerkungen

1. Kommentare von EECCS-Mitgliedern, die der Arbeitsgruppe bekannt sind:

  • Im Mai 1997 nahm die Church of Scotland offiziell zu dieser Frage Stellung.

  • Im Juni 1997 nahm die Französische Protestantische Föderation Stellung zum Klonen von Tieren und Menschen.

  • 1997 veröffentlichte die Evangelische Kirche Deutschlands ein Buch zu Biotechnologie: Einverständnis mit der Schöpfung, Gütersloher Verlagshaus, in dem auch das Problem des Klonens diskutiert wird.

2. Ende 1997 nahm der Europarat ein Zusatzprotokoll zum Übereinkommen zum Schutz der Menschenrechte und Menschenwürde im Hinblick auf die Anwendung der Biologie und Medizin an, das ein Verbot, Menschen zu klonen, zum Inhalt hat. Das Protokoll wurde am 12. Januar 1998 in Paris von 19 Mitgliedsstaaten unterzeichnet.



Mitglieder der Arbeitsgruppe:
Dr. Donald Bruce (Wissenschaftler) Gesellschaft, Religion und Technologie Projekt, Kirche von Schottland,
Dr. Elisabeth Bücking (Biologin) Ökumenisches Forum Christlicher Europäischer Frauen,
Prof. Jean-François Collange (Theologe) Französische Protestantische Föderation,
Dr. Gunnar Heiene (Theologe) Nordischer Ökumenischer Rat,
Prof. Dr. Jürgen Hübner (Theologe) Evangelische Kirche von Deutschland,
Dr. Mireille Jemelin (Biologin) Schweizer Evangelischer Kirchenbund,
Pfarrer Neil Messer (Biologe und Theologe) Rat der Kirchen von England und Irland,
Prof. Egbert Schrotten (Theologe) Rat der Kirchen in den Niederlanden, Moderator


Team der EECCS:
Keith Jenkins, Generalsekretär
Pfarrer Richard Fischer, Exekutivsekretär