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AUSSCHUSS ISLAM IN EUROPA
Brief an die Kirchen in Europa
__________________
"Die Erziehung der christlichen und muslimischen
Jugendlichen im pluralistischen Europa"
Der kulturelle und religiöse Pluralismus ist in den meisten europäischen Ländern zu einer
grundlegenden Gegebenheit geworden. Besonders der Islam ist nun neben anderen
religiösen Traditionen vertreten. Die Begegnung der Religionen kann eine Chance sein, eine
Einladung, die eigene Überzeugung zu vertiefen, um dadurch zur Wahrheit über Gott und
den Menschen zu gelangen. Die meisten Kirchen in Europa haben den Pluralismus
grundsätzlich als positiv akzeptiert. Einige von ihnen haben zu dieser Frage noch keine
Einstellung gefunden.
Die Herausforderung, mit der die Jugendlichen (und zwar Christen und Muslime) in
einer Gesellschaft des religiösen Pluralismus konfrontiert werden, muss ernst
genommen werden. Ein erster Schritt ist die genaue Analyse der Problematik, um auf
dieser Grundlage Schlüsse für die Erziehung der Jugendlichen ziehen zu können.
Beschreibung der derzeitigen Lage
Auf christlicher Seite
Allgemein ist ein Bedürfnis vieler Christen nach Vertiefung ihres Glaubens festzustellen , der
nicht mehr vom sozialen Umfeld abhängig ist, sondern mit ernsthaften persönlichen
Überzeugungen zu tun hat. Gläubige organisieren sich neu in lebendigen Gemeinden oder
Basisgemeinschaften. Sie sind auf der Suche nach einer Spiritualität, die in einer fundierten
und zugleich offenen Theologie verwurzelt ist.
Dennoch schreitet die Säkularisierung - mit Ausnahme einiger Länder, in denen das
Gewicht der religiösen Tradition immer noch groß ist - nach wie vor in den meisten
europäischen Ländern fort. In diesem Klima haben die Jugendlichen ihre Bezugspunkte und
ihre Werte verloren.
Ein Teil der Jugendlichen hat nach wie vor ein christliches Gottesbild, doch wird Gott nicht
mehr existentiell erfahren. Darüber hinaus werden bestimmte, für den christlichen Glauben
wichtige Anschauungen von manchen Menschen, die sich nach wie vor Christen nennen,
nicht mehr vertreten. Sie leben oft ohne Bezug zu Christus.
Andere wiederum treibt die ideologische Leere dazu, sich anderen religiösen Strömungen
als dem Christentum (Sekten, Buddhismus, New Age,...) zuzuwenden.
Auf muslimischer Seite
Lange Zeit war die Anwesenheit muslimischer Gläubiger in Europa eher unauffällig. Heute
versucht die muslimische Gemeinschaft, sich in diese Gesellschaft zu integrieren und
gleichzeitig an den Werten ihrer eigenen Kultur und Religion festzuhalten, und wird dadurch
deutlicher sichtbar. Sie organisiert die Religionsausübung. Zu diesem Zweck werden immer
mehr muslimische Vereinigungen gegründet. Sie möchten die Gläubigen dabei unterstützen,
ihrem Glauben gemäß zu leben - vor allem die Jugendlichen, die mit der religiösen Praxis
nicht so vertraut sind.
Wir haben es heute also mit dem Islam in seinen vielfältigen Organisationsformen und
Gruppierungen zu tun. Die Muslime bilden keine einheitliche Gemeinschaft. Oft kommt es zu
Unterscheidungen aufgrund verschiedener Ursprungsländer, Generationen, religiöser oder
politischer Tendenzen, die die Einheit verhindern. Obwohl die Gruppen junger Muslime oft
noch klein sind, schließen sie sich in Vereinigungen zusammen, um gemeinsam den
islamischen Glauben neu zu entdecken, in den sie hineingeboren wurden.
In vielen europäischen Ländern herrscht ein Klima religiöser Gleichgültigkeit. Das
beeinflusst auch Menschen und Familien muslimischen Ursprungs. Einige von ihnen passen
sich dem säkularen Kontext, in dem sie leben, an und machen ihre Religionsausübung zur
Privatsache, während andere - auf der Suche nach ihrer Identität - sich ganz offen an eine
religiöse Identität klammern. Andererseits haben einige muslimische Vereinigungen mit
fundamentalistischen Strömungen (1) zu tun, und oft wirken gerade sie in die Öffentlichkeit
hinein. Dabei sind sie keine homogene Gruppe, sondern häufig miteinander in Konflikt.
In den meisten Ländern Europas gibt es keine zentrale islamische Autorität, die
Entscheidungen für die gesamte Gemeinschaft fällt und Gruppen Vorschriften machen kann.
Religiöse Gruppen haben da die Freiheit, ihre religiösen Unterrichtsprogramme selbst zu
erstellen. In einigen Ländern ist der Islam ganz offiziell und nach öffentlichem Recht
organisiert. In diesem Fall haben die muslimischen Verbände den Vorteil, gut strukturiert zu
sein. Viele Jugendliche kommen auf ihrer Suche nach Identität mit ihnen in Berührung. Sie
bieten ihnen eine Erziehung nach ihrer Tradition.
In den Fällen, in denen die jungen Muslime Teil einer ersten Immigration sind, gibt es
Probleme mit Kleinkriminalität, die keinen Platz für Erziehungsversuche lassen. Auch hier ist
die Situation von Land zu Land unterschiedlich.
Es gibt auch islamistische Prediger, die einen Einfluss auf Jugendliche haben, die in
religiöser Gleichgültigkeit aufgewachsen sind. Die Jugendlichen lernen dann die
notwendigen Dinge, um ihren Glauben zu vertiefen. Leider gibt es unter diesen Predigern
auch solche, die die Jugendlichen, indem sie sie mit den notwendigen Argumenten
versehen, gegen den Glauben anderer und den Westen aufhetzen, der ihrer Meinung nach
aufgrund der Freizügigkeit der Sitten verderbt ist. Auf dem Gebiet des Da'wa („Einladung
zum Islam", das entspricht im christlichen Verständnis etwa der Mission) sind sie oft sehr
aktiv.
Andere Strömungen, die mit dem Sufismus (2) zusammenhängen, bemühen sich auch,
Jugendliche zur Dialogbereitschaft und zu religiöser Toleranz zu erziehen.
Wenn man von diesen Feststellungen ausgeht, wie sehen dann die Anforderungen an
die Erziehung der Jugendlichen aus und in welchem Geist soll man die Jugendlichen
erziehen?
Angesichts der verschiedenen Situationen, die oben beschrieben wurden, kann festgestellt
werden, dass sowohl die christlichen als auch die muslimischen Verantwortlichen mit
derselben Sorge konfrontiert werden: der Sorge um die Jugendlichen.
Auf muslimischer Seite sind nur wenige Verantwortliche dazu bereit, sich mit den Problemen
der Jugendlichen und ihrer Art, ihren Glauben in Europa zu leben, zu befassen.
In Anbetracht der christlichen Jugendlichen, die ihre Bezugspunkte verloren haben: Was
können die Kirchen tun, um sich für diese Problematik noch mehr zu sensibilisieren?
Es ist eine neue Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Wie kann die Kirche in ihrem
Bemühen, die christliche Identität zu stärken, gleichzeitig eine Blockade gegenüber den
anderen Religionen verhindern?
Sie müsste den Jugendlichen helfen, ihren Glauben zu leben, ihnen Bestätigung geben,
ihnen Respekt vor dem Glauben anderer vermitteln und einen Rückzug aus der
Gemeinschaft verhindern (der nur Rassismus, Glaubensfanatismus oder Ausgrenzung
erzeugt). Sie müsste also die Möglichkeiten pastoraler Hilfe untersuchen, die sie in den
christlichen Gemeinden, in denen es eine starke muslimische Präsenz gibt, anbieten kann.
Empfehlungen für die Verantwortlichen der Kirchen
-
Zum Glauben erziehen
-
Junge Christen leben heute inmitten von Jugendlichen verschiedener Religionen. Sie sollten
im Dialog mit Muslimen ebenbürtige, gut informierte Partner sein. Eine solche Begegnung
kann nur zwischen überzeugten Christen und Muslimen stattfinden.
Wir haben ihnen gegenüber eine pastorale Verantwortung. Wir müssen ihnen helfen, damit
ihnen die Einzigartigkeit ihres christlichen Glaubens bewusst wird, und wir müssen ihnen
konsequenter eine theologische, biblische und patristische Erziehung sowie gute und
lebendige Gemeinschaften soliden Lebens anbieten, wo sie Antworten auf ihre Fragen und
Halt für ihren Glauben, Unterstützung und Werte finden.
-
Pastorale Mitarbeiter ausbilden und finanzieren
Es ist wichtig, dass die Jugendlichen von kompetenten Jugendmitarbeitern und von gut
ausgebildeten Lehrern begleitet werden: in Schulen und Universitäten, Jugendgruppen
(Jungschar, Pfadfinder,...), Krankenhäusern, Gefängnissen, sozialen Brennpunkten - alles
Orte, wo auch immer mehr Muslime anzutreffen sind.
Die Kirchen sollten sich bemühen, Geistliche und Laien auf theologischem, philosophischem
und pastoralem Gebiet zu spezialisieren. Sie sollten beim Einsatz von Mitteln nicht
geizen, weder auf personellem noch auf finanziellem Gebiet.
-
Zum interreligiösen Dialog erziehen
Die Kirchen sollten Christen und pastoralen Mitarbeitern solide Grundlagen über andere
Religionen, insbesondere über den Islam, vermitteln, um Vorurteile zu überwinden,
Blockaden und Ängste zu vermeiden, die sich nur hemmend auf den Dialog auswirken und
Barrieren aufbauen, die wiederum zu Rückzug und Gewalt führen. Der Kontakt mit
Muslimen kann bereichernd für den christlichen Glauben sein. Und wenn sich auch der
Inhalt des Glaubens nicht ändern kann, so kann die Art, darüber zu reden, und die Form, ihn
zu feiern, sich verändern. Die Kirchen tragen so dazu bei, die Erziehung zum Dialog in den
Kirchen oder Schulen ins Blickfeld zu rücken (je nach System des Landes).
Im schulischen Bereich sind solche Konzepte zu fördern, die die muslimische Kultur als
integrierten Teil der Geschichte, der Literatur, usw. betrachten. Vereinigungen müssen bei
der Anregung kultureller Vielfalt unterstützt und Muslime ermutigt werden, dasselbe zu tun.
-
Begegnung, Dialog
Ein weiterer Schritt besteht darin, die Jugendlichen anzuleiten, sich über die
Religionsgrenzen hinaus zu begegnen und in einen Dialog zu treten, keine Angst vor
den Unterschieden zu haben, ohne dass dies auf Kosten der Wahrheit geschieht. Eine
tiefere und persönlichere Kenntnis des anderen kann auch auf andere Art und Weise
erzeugt werden, nämlich über Literatur und Musik. Das könnte zu einer Vertiefung der Kultur
der Bibel, des Korans und der Theologie führen. Schließlich muss auch die Erwartung der
Jugendlichen an eine spirituelle Begegnung unterstrichen werden, die bei den einen oder
anderen zu einer Vertiefung ihres jeweiligen Glaubens führen kann.
Christen und Muslime, die Teil derselben Gesellschaft sind, können vielleicht dieselben
Sorgen im Hinblick auf ethische, wirtschaftliche, politische und soziale Probleme teilen. Sie
sollten zu einer gemeinsamen Aktion einladen für eine Welt, in der es mehr
Geschwisterlichkeit gibt, und für die Achtung der großen menschlichen und geistlichen
Werte auf der Grundlage ihrer jeweiligen religiösen Tradition.
*****
N.B.
-
Die Kirchen können dem Islam helfen, seinen Status und seinen Platz in der Gesellschaft zu
finden, und die Religionsfreiheit verteidigen. Die muslimische Gemeinschaft muss
Ausbildungseinrichtungen für ihre muslimischen Mitarbeiter schaffen, und zwar mit
einem Bildungsprogramm, das der europäischen pluralistischen Gesellschaft angemessen
ist, damit sie nicht Opfer von Einmischung und ideologischer Instrumentalisierung wird.
-
Seit Jahren gibt es Begegnungen zwischen Christen und Muslimen. Das Auftreten der
muslimischen Vereinigungen mit ihren vielfältigen Strömungen in der Öffentlichkeit macht es
zwingend notwendig, sie als Gesprächspartner in den Dialog miteinzubeziehen. Zwischen
den verschiedenen Strömungen muss sorgfältig differenziert werden.
Anmerkungen:
-
Der islamische Fundamentalismus ist eine politisch-religiöse Ideologie, die den
wahrhaftigen Islam, denjenigen der ersten Muslime, wiederbringen möchte. Er strebt die
Schaffung eines islamischen Staats auf der Grundlage der Shari'a (islamisches Recht)
sowie die Wiedervereinigung der Umma (islamische Gemeinschaft) an.
Die islamistischen Strömungen schwanken zwischen strenger Traditionstreue und dem
Wunsch, religiöse, moralische, soziale und politische Reformen notfalls mit einer Revolution
durchzusetzen. Sie unterscheiden sich untereinander in ihrer Offenheit gegenüber der
Moderne und den Errungenschaften des Westens. Sie sind zum größten Teil entstanden
aufgrund des kolonialen und postkolonialen Zusammenpralls mit der Moderne und der
westlichen Welt.
-
Wie in anderen Religionen gibt es auch im Islam die Entwicklung einer mystischen
Richtung (Sufismus), in dem die Verehrung Gottes und die Unterwerfung unter seinen Willen
im Zentrum steht. Oft ist sie in Bruderschaften organisiert.
*****
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