CONFERENCE OF EUROPEAN CHURCHES
CONFERENCE DES EGLISES EUROPEENNES
KONFERENZ EUROPAEISCHER KIRCHEN
Theme 4: Quality of Life for All
September 2001
Story : Das Lukas Spital und seine Auswirkungen auf das Leben
in den umliegenden Dörfern
Dr. Med. Petru Oprean
Laslea, Jud. Sibiu/Rumänieu
Sehr verehrte Damen und Herren,
Sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer an dieser diakonischen Konferenz,
Gerne bin ich bereit, Ihnen von den Auswirkungen des Lukas Spitals auf das Gemeinschaftsleben in unseren umliegenden Dörfern zu erzählen.
Das Lukas Spital ist ein Pflegekrankenhaus mit 30 Betten in dem sehr ländlichen Gebiet zwischen Sighisoara (Schässburg) und Medias im Herzen Siebenbürgens. Wer uns besucht, merkt sehr schnell, dass unser Spital in mehrfacher Weise sichtbare Auswirkungen auf das Dorfleben in Laslea hat. Denn viele Häuser in der Umgebung des Spitals sind renoviert worden. Die leuchtenden Farben der Fassaden entlang der Dorfstrasse sind ein Zeichen dafür, dass Groslasseln und andere nahegelnahegelegene Dörfer aus der Lethargie aufgewacht sind. Die Menschen haben Hoffnung in ihre Zukunft gefasst. Das Spital wurde für die ganze Kommune zu einer großen Herausforderung. Wie es dazu kam, will ich in den einzelnen Schritten der Geschichte des Spitals schildern. Darum möchte ich den ersten Teil meines Berichtes unter das Motto stellen, unter dem wir seit 1996 unsere Jahreskalender herausgeben; nämlich
- Schritte der Hoffnung in Siebenbürgen
- Für mich persönlich und einige andere Mitbürger begann die Hoffnung mit einem Hilfstransport, der von einer Kirchengemeinde in Bayern im Oktober 1999 nach Neudorf, das zur Kommune Laslea gehört, kam. Man brachte uns nicht nur humanitäre Hilfe, sondern vor allem eine neue Grundeinstellung. Denn die Besucher bestanden darauf, dass alle Familien im Dorf, also die siebenbürgisch- sächsischen und die rumänischen und die Zigeunerfamilien in gleicher Weise bedacht wurden. Unsere in Jahrhunderten praktizierte, strenge Tradition der ethnischen und konfessionellen Trennung wurde damit infrage gestellt.
- Dennoch dachten wir zunächst nur daran, für die zurück bleibenden, alten Sachsen ein gemeinsames Wohnheim zu schaffen. Als uns jedoch das seit Jahren leer stehende Schulhaus in Groslasseln zum Ausbau angeboten wurde, entwickelten wir ein für das damalige Rumänien neues Konzept. Wir beschlossen, ein Pflegekrankenhaus zu errichten, das Dauerpflege bis zum Lebensende anbietet, aber ebenso auch versucht Langzeitpatienten durch gezielte Rehamassnahmen wieder auf die Beine zu bekommen und nach Hause zu entlassen - sofern sie noch ein Zuhause haben.
Doch viel wichtiger war, dass einige Freunde in Rumänien mit mir, dem Rumänen orthodoxer Prägung, und dem evang.-lutherischen Pastor, der als Siebenbürger Sachse bis heute das Spital mitleitet, mit uns einig waren. Wir wollten mit dem Spital versuchen, die alten ethnischen und konfessionellen Grenzen zu überwinden. Darin durch unsere Partner in Deutschland bestärkt, beschlossen wir, von Anfang an darauf zu achten, dass sowohl unser Personal wie die Insassen unseres unseres Spitals aus allen Gruppierungen der Bevölkerung zu rekrutieren und aufzunehmen sind. In den Anfangsjahren stiessen wir mit dieser Grundeinstellung auf grosse Ablehnung und Skepsis. Dennoch haben wir bis heute dieses Konzept durchgehalten und wahrscheinlich gerade dadurch den Menschen in unserer Umgebung Hoffnung vermittelt.
- Ein kleiner, aber wichtiger Schritt zu neuer Hoffnung im Lasler Tal war es, als wir im August 1992 endlich damit beginnen konnten, das bereits verfallene Dach auf dem ehemaligen Schulhaus durch ein neues zu ersetzen. Jeder konnte sehen, dass etwas Neues begonnen wurde. Damit gab es zum ersten Mal nach dem Zerfall des alten Regimes wieder Arbeitsplätze im Tal. Bis heute haben wir einen eigenen Bautrupp. Gleichzeitig ahnten die Menschen, dass wir im Spital und drum herum auch andere Mitarbeiter brauchen würden.
- Aufgrund dieser Ahnung meldeten sich fast 100 junge Erwachsene zu einem Kursus in Glaubens- und Lebensfragen an, den wir im Frühjahr 1993 durchführten, um geeignete Mitarbeiter auswählen zu können und diese auf die unterschiedlichsten Aufgaben ein wenig vorbereiten zu können. Vor allem musste ihnen, den Rumänen, Sachsen, Ungarn und Zigeunern, den Orthodoxen, Lutheranern, Reformierten, Katholiken und Baptisten unser damals neues Konzept vermittelt werden.
- Nach dem Glaubenskurs wählten wir 10 junge Frauen aus, denen wir eine dreijährige Ausbildung zu staatlich anerkannten medizinischen Assistenten, bzw. Krankenschwestern ermöglichten. Zum ersten Mal erlaubte eine staatliche Krankenpflegeschule, dass unser Pastor und eine Krankenschwester aus Bayern unsere zukünftigen Mitarbeiterinnen regelmäßig in der Schule in Berufsethik unterrichten konnten. Durch sechswöchige Praktika in Bayern verstärkt, fanden diese Schwestern für sich ein Menschenbild, das die ganzheitliche Pflege des schwerkranken Mitmenschen verlangt. Darum herrscht in unserem Spital eine völlig andere Atmosphäre als in vielen Krankenhäusern in Rumänien. Patienten können so genesen bzw. Sich auch über Jahre hinweg in unserem Haus wohl fühlen. Der Kranke erhält nicht nur seine Spritzen, sondern wird von den Schwestern und Pflegern sorgfältig gebadet, eingecremt, auf die Terrasse gebracht etc. Die liebevolle Zuwendung zum bedürftigen Mitmenschen ist der entscheidende Faktor in unserem Pflegekrankenhaus.
- Die Bauarbeiten zogen sich 4 Jahre hin. Denn im Dorf Laslea fehlt bis heute jede Infrastruktur. Sehr viele Hürden mussten überwunden werden. Eigene Wasserbrunnen mussten gebohrt werden, ein Wasserreservoir und vor allem eine Kläranlage mussten wir errichten. Doch gerade die Tatsache, dass wir nicht aufgegeben haben, hat Vertrauen geweckt. So fanden wir bald auch zu einer guten Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister und dem kommunalen Gemeinderat, die uns halfen die notwendigen Genehmigungen zu erhalten.
- Zur Finanzierung des Baues und vor allem - seit Oktober 1996 - auch des Betriebes des Spitals, sowie anderer Aktivitäten erhielten wir die Genehmigung, einen Second Hand Kleiderladen zu betreiben. Obwohl wir bis 30% der aus Deutschland erhaltenen Kleidung an Bedürftige verschenken und obwohl wir sehr niedrige Preise verlangen, finanziert dieser Laden die 55 Arbeitsplätze, die wir seit 5 Jahren haben. Wegen dieses Ladens kommen sehr viele Menschen aus etwa 100km Umkreis nach Laslea. Das Dorf ist auch dadurch nicht mehr von der Außenwelt abgeschnitten. Darum legen die Dorfbewohner und auch der Bürgermeister Ehre ein und renovieren ihre Häuser, was vielen auch durch den regelmäßigen Lohn, den sie beim Spital verdienen, möglich ist. Bürgermeisteramt und Kulturhaus wurden ebenfalls renoviert.
- Am meisten Hoffnung aber wächst durch die medizinische Hilfe, die wir der gesamten Bevölkerung anbieten. In den Jahren 91 bis 98 ist die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung fast ganz zusammengebrochen. Wer nicht zahlen konnte, musste eben mit seiner Krankheit leben oder auch früher sterben. Erst seit 2 Jahren wird mit Hilfe einer allgemeinen Krankenkasse eine funktionierende Krankenversorgung im Land neu aufgebaut. Doch bis dahin wurde die Arztpraxis für ambulante Aussenpatienten, die dem Spital angeschlossen ist, für viele zur großen Hilfe und Rettung in vielen Fällen. Denn nur bei uns gab es ärztliche Untersuchungen und die entsprechenden Medikamente, wofür man nicht bezahlen musste. Inzwischen erkennen die Dorfbewohner, dass solche medizinische Hilfe viel Geld kostet. Sie können diese nicht bezahlen. Aber sie bringen uns Früchte aus ihren Feldern und Gärten. Sogar Hühner, Schweine, Ziegen und Schafe werden von Angehörigen unser Langzeitpatienten ins Spital gebracht. Dies wiederum gibt uns, den Leitern und Mitarbeitern neue Hoffnung.
- Das Zusammenleben der Patienten und des Pflegepersonals im Spital hat wesentlich zur Überwindung gegenseitiger Ausgrenzung der Konfessionen geführt. Die täglichen Andachten und auch sonntäglichen Gottesdienste werden von allen besucht, unabhängig davon, ob ein rumänisch-orthodoxer Priester, ein deutsch-lutherischer Pfarrer, ein ungarisch-reformierter Pastor oder die rumänisch-baptistische Oberschwester die Andacht leitet. Ein orthodoxer Theologieprofessor, der mehrere Wochen bei uns gepflegt wurde, schrieb von der „Ökumene des Leidens". Wir wollen Unterschiede nicht verwischen. Jeder braucht sein klares Bekenntnis. Aber es ist bei uns eine große gegenseitige Akzeptanz der andersartigen Frömmigkeit gewachsen. Das macht vielen Menschen Hoffnung in der Richtung, dass Christen zusammenfinden können im diakonischen Dienst.
- Da wir neben dem Spital und der Arztpraxis auch mit häuslicher Krankenpflege begonnen haben, zeigt sich, dass die Menschen in den etwa 12 Dörfern unseres unmittelbaren Umkreises große Hoffnung geschöpft haben. Zwar konnten wir nur wenige unter den Siebenbürger Sachsen von der Auswanderung nach Deutschland abhalten, jedoch sehen nun auch jüngere Menschen im Dorf eine Zukunft; sei es dass sie eine Arbeitsstelle bei uns haben oder darauf hoffen, sei es dadurch, dass sie zum Teil ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse, vor allem Milch und Gemüse an das Spital verkaufen können.
Soweit von den Schritten, die nach und nach die Hoffnung der Menschen genährt haben. In einem zweiten Teil möchte ich jetzt noch von den Herausforderungen sprechen.
B. Erfahrungen, die uns zu neuen Wegen herausfordern.
Gegenwärtig sehen wir folgende Probleme und Schwierigkeiten als unmittelbare Herausforderungen an uns, die Leiter und Mitarbeiter des Lukas Spitals ebenso wie an unseren Trägerverein, die „Assotiatia Medical Crestina, Lucas Spital Laslea".
- Bis heute sind wir total abhängig von der Hilfe und Unterstützung unserer vielen Freunde und Förderer in Deutschland. Rechnet man die Hilfstransporte mit gebrauchter Kleidung dazu, die wir in unserem Second Hand Shop „Tabita" zugunsten des Spitals verkaufen, so muss man feststellen, dass etwa 90% unseres Jahreshaushaltes und der Investitionen aus Deutschland kommen. Dies muss unbedingt anders werden. Darum werden wir mit der in Rumänien neu gegründeten allgemeinen Krankenkasse hart verhandeln müssen, dass diese unsere vielfältigen medizinischen Dienste honoriert werden. Wir müssen auch von den Angehörigen unserer Pflegepatienten, auch von denen, die ausgewandert sind, höhere Anteile für Kostenerstattung einfordern.
Wir denken auch daran, gewerbliche Betriebe in privater Hand, wie eine Bäckerei, Metzgerei, Molkerei mit Geräten und Einrichtungen aus Deutschland so zu fördern, dass sie uns dann über Jahre hinweg wenigstens Brot, Fleisch und Milchprodukte sozusagen als Abzahlung kostenlos liefern.
- Die Trägerschaft für das Spital und dessen Aktivitäten liegt in der Hand eines kleinen, eingetragenen, gemeinnützigen Vereins, der Assotiatia Medical Crestina, Lucas Spital. Von mehreren Organisationen in Deutschland werden wir tatkräftig unterstützt. Dies sind der „Hilfsverein für das Lukas Spital in Laslea, Rumänien e.V." mit Sitz in Neuendettelsau; das Diakonische Werk Bremen; der Verein „Hilfe direkt, - Hilfe, die ankommt" mit Sitz in Hohenstein-Ernsttal bei Chemnitz, das „Offene sozial-christliche Hilfswerk, Osthilfe e.V." mit Sitz in Bautzen, mehrere Kirchengemeinden in ganz Deutschland und andere, kleinere Gruppen.
Doch sind wir viel zu wenig eingebunden in Institutionen in Rumänien selbst. Zwar haben wir ein Kuratorium, in dem Priester, Pastoren und Pfarrer der verschiedenen Konfessionen mitarbeiten ,jedoch gibt es keine Absprachen mit diesen Kirchen vor Ort. Zumindest die umliegenden Gemeinden müssen sich stärker für „ihr" Spital oder zumindest für die häusliche Krankenpflege verantwortlich wissen. Wir sehen dies als große Herausforderung an unsere Öffentlichkeits vor Ort.
- Unseres Wissens sind wir bis heute das einzige Pflegekrankenhaus dieser Art in ganz Siebenbürgen. Zwar gibt es Kinder- und Altenheime in großer Zahl, aber ein Langzeitpflegekrankenhaus mit Schwerstkranken sucht man bisher vergebens, abgesehen von unserem Lukas Spital. Deshalb ist der Druck auf unser Haus, solche Schwerstkranke aufzunehmen, ungeheuer groß. Für 25 Betten waren wir eingerichtet, doch haben wir oft bis zu 35 Patienten zu versorgen.
Um so dringender ist für uns die Herausforderung, wenigstens zu einer eigenen Zusammenarbeit mit anderen diakonischen Einrichtungen in Rumänien zu kommen. Wir brauchen den Austausch von Erfahrungen, gegenseitige Ermutigung und konkrete Zusammenarbeit etwa im Austausch von Patienten und Personal.
Denn auch wir, die verantwortlichen Leiter des Werkes brauchen Partner, die uns Hoffnung machen, damit wir weiterhin anderen Menschen Hoffnung vermitteln können.