CONFERENCE OF EUROPEAN CHURCHES
CONFERENCE DES EGLISES EUROPEENNES
KONFERENZ EUROPAEISCHER KIRCHEN


Präsident des Diakonischen Werkes

der Evangelischen Kirche von Deutschland

Diaconal Forum Järvenpää

Arbeitsgruppe 4 Quality of Life

Einführung in den Gruppenbericht

Es gibt Grundfragen, die kein Mensch alleine beantworten kann. Was will der Mensch? Leben will der Mensch. Mit diesen Worten hatte Rudolf Bultmann seine Einleitung in die Theologie des Paulus begonnen. Der Mensch will leben, deswegen fragt er nach der Qualität des Lebens, nach Heil und Fülle, nach guten Beziehungen. Es geht um „Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will." (Albert Schweitzer).

Ich habe versucht, die Tendenzen zur Privatisierung und Entöffentlichung der Grundfragen der sozialen Kohäsion im Arbeitspapier darzustellen und die Rolle des Christentums in der Öffentlichkeit. Ich habe versucht, die Notwendigkeit von Orten des Lebens zu benennen und diese zu beschreiben und hierbei insbesondere auf die Notwendigkeit ethischer Steuerungsmechanismen verwiesen. Hierbei geht es einerseits um Mangel und Rationierung von sozialen Dienstleistungen, aber nicht zuletzt auch um das Zusammenleben von Alten und Jungen, Gesunden und Kranken. Christen und Nichtchristen sind ebenfalls im Blick.

Für mich entscheidend ist die Diskussion um ethische Steuerungsmechanismen. Lassen Sie mich im Vorfeld auf drei Fallen der kirchlich-diakonischen Position hinweisen:

1. Professionalität gilt als schwierig, Freiwilligkeit ist „in". Institutionalisierung gilt als schwierig, ambulante, nachgehende Arbeit gilt als" in". Ich habe immer viel durch Begegnungen gelernt. Ich entsinne mich sehr gut an das Gespräch, das ich von einigen Jahren mit Ishmael Noko geführt habe. Er hat in diesem Gespräch auf ein Problem verwiesen, das die meisten gut kennen. Der Bedarf an personenzentrierten Dienstleistungen wächst. Je schärfer Transformationsprozesse verlaufen, je mehr soziale Sicherheit ist notwendig. In einem derartigen Prozess wird beides gebraucht, sowohl institutionelle Hilfe als auch die leichten Formen. Wir brauchen beide gleichzeitig aufgrund der Veränderung der Lebensstile der Menschen und der Vielfalt der Optionen. Wie lassen sich falsche Alternativen vermeiden?

Meine These ist::

Der Gegensatz heißt nicht Professionalität und Freiwilligkeit, sondern es geht um den Gegensatz von Professionalisierung und Nihilismus. Professionalität und Konfessionalität gehören zusammen. Das lateinische Wort confiteri bedeutet: offen bekennen, versprechen; das Wort profiteri (das Grundwort des Wortes Professionalität) bedeutet: offen bekennen, dafür einstehen.

Meine These ist:

Wir brauchen eine konfessorische Diakonie, wenn wir profiliert handeln wollen, wegen des Versprechens, wegen des diakonischen Auftrags, der der Kirche anvertraut ist. Besonders in der Situation eines verstärkten säkularen, atheistischen Kontextes ist Professionalität verlangt. Es geht um wertgebundene Arbeit, damit Leben gelingt.

  1. Das Interesse an Dienstleistungen stellt die Frage nach dem Verhältnis diakonischer Arbeit und Kirche einerseits und diakonischer Arbeit und Ökonomisierung andererseits. Wie sehen wir die Menschen, für die wir Dienste bereithalten? Ich erinnere an ein deutsches Beispiel. Der preußische König Friedrich-Wilhelm IV. schreibt nach einem Besuch in der Charité in Berlin an Theodor Fliedner in Kaiserswerth. Ihm ist aufgefallen, dass die Menschen im Krankenhaus durch Wärter versorgt werden. „Wir brauchen Brüder und Schwestern..."ist sein Vorschlag. Meine Frage: wie sehen wir die Menschen: als Klienten, als Bürger, als Kunden? Das Menschenbild prägt. Ethisch nötig ist eine Diskussion um ein konsensfähiges Menschenbild. Die zentrale Frage ist damit die Frage nach der Qualität interpersonaler Beziehungen, nach der diakonischen Qualität. Autonome Patienten, mündige Bürger, selbstbewusste Verbraucher sind Ausdruck eines Paradigmenwechsels. Das Ziel liegt in der Stärkung" der Fähigkeit zu einer langfristig integralen eigenverantwortlichen Lebensführung zum Zwecke der Teilnahmemöglichkeit an sozialer Kommunikation"( Dabrock). Hinsichtlich der normativen Grundlagen heißt das: es geht um Auslegung von Solidarität und befähigende Gerechtigkeit. Reine Kundenorientierung ist eine Versuchung für Kirche und Diakonie, die am diakonischen Auftrag vorbeigeht. Advokatorische Partizipation ist wesentliches Qualitätskriterium einer diakonischen Dienstleistung. Würde sie auf reine Kostenfaktoren reduziert, könnte sie keinen Beitrag zum sozialen Frieden leisten.
  2. Falle drei: Sweet Poison versus Innovation. Transfermittel für soziale Arbeit dürfen die eigenständigen Bemühungen um eigenen Finanzierung nicht behindern und keine Abhängigkeit schaffen (Sweet Poison). Sie müssen Freiheit ermöglichen, Nachhaltigkeit fördern und Partizipation stärken. Die Notwendigkeit eigene Finanzsysteme zu entwickeln, stellt sich zentral im Prozess der EU-Erweiterung, der die Schwachstellen und Mängel sowohl im Westen wie in Mittel/Ost-Europa aufdeckt.

Transformationssituationen sind Situationen der Gestaltung. Es ist kein Zufall, dass der Dienst der Versöhnung im 2. Korinther-Brief im Zusammenhang von der Botschaft von der Auferweckung Jesu und der Neuschöpfung erwähnt wird. Dieser Geist der Erneuerung muss uns beflügeln.

Globalisierung kann nicht allein die Freiheit des Marktes der Informationen von Dienstleistungen, Freizügigkeit von Kapital und Arbeitnehmern sein, sondern muss eine Globalisierung der Gerechtigkeit inkludieren. Für die Diakonie hat das zwei Konsequenzen:

  1. das betreuende Paradigma der sozialen Arbeit, die auf entstandene Symptome – z.B. das Flüchtlingselend oder das Straßenkinderproblem reagiert, hat ausgedient. Ebenso ist die Unterscheidung von internationaler und nationaler Schwerpunktbildung einer Diakonie am Ende. Die Frage: „ Was dient dem Leben?" – was wird zu wessen Lasten geplant, auf wessen Kosten erreicht? muss mit den Erfahrungen der ökumenischen Diakonie buchstabiert werden (Service ist local). Die Chance des interreligiösen Dialogs muss genutzt werden. Ethische Steuerungsmechanismen verlangen die Gleichheit der Ungleichen und nicht der Gleichen. Deswegen ist die spezielle Qualifikation in ethischer Hinsicht gefragt.
  2. Ich denke, wir brauchen eine gemeinsame Anstrengung für eine europäische / diakonische Akademie, in der die verschiedenen Arbeitsstrukturen, die unterschiedlichen Sozialkulturen und konfessionellen Profile eingebunden werden müssen. Das ist für mich Teilen der Ressourcen, das mit der Anerkennung der Vielfalt beginnt. Hier liegt das Pfund von Bratislava, z.B in der Einbeziehung der Orthodoxen Konfessionsfamilie, in den durch den Bratislavaprozess angestoßenen Versuchen, Sozialtheologien zu formulieren.