CONFERENCE OF EUROPEAN CHURCHES
CONFERENCE DES EGLISES EUROPEENNES
KONFERENZ EUROPAEISCHER KIRCHEN


Introduction to Story "Migration and mobility in the new Europe"
Dr. Martin Affolderbach
Hanover/Germany

Migration und Mobilität in einem neuen Europa

In den zurückliegenden Jahren sind die Grenzen zwischen europäischen Staaten offener geworden, sowohl zwischen Ost- und Westeuropa als auch innerhalb der Staaten der Europäischen Union. Viele Menschen genießen diese neue Freiheit und Mobilität. Es sind aber auch neue Grenzlinien innerhalb Europas gezogen worden, und einige Grenzen nach außen wurden verstärkt und unüberwindbar gemacht. Die Länder der europäischen Union wollen bis 2004 zu einer gemeinsamen Gesetzgebung im Bereich Asyl- und Migration kommen - ein Prozess, den wir als Kirche und Diakonie kritisch begleiten. Einige Länder Zentral und Osteuropas bereiten sich auch in diesen Fragen auf den Beitritt vor. Mobilität und Migration hat uns näher zusammenrücken lassen, es hat aber auch neue Spannungen und Konflikte geschaffen und die Arbeit von Diakonie und Kirche vor neue Herausforderungen gestellt.

Sie haben in Ihrer Tagungsmappe ein Arbeitspapier zu dem Themenbereich „Migration und Mobilität in einem neuen Europa". Ich möchte fünf Stichworte daraus unterstreichen, die meiner Ansicht nach derzeit in unserer Arbeit eine besondere Rolle spielen.

  1. Keith Jenkins hat gestern bereits darauf hingewiesen, dass die meisten europäischen Länder Zuwanderung brauchen, da die Bevölkerung abnimmt und die Wirtschaft und die Rentensysteme Arbeitskräfte brauchen. Doch ist in Teilen der Bevölkerung und auch bei Politikern eine grundsätzliche Abwehrhaltung gegenüber Zuwanderung vorhanden. Man sah in den zurückliegenden Jahrzehnten - vor allem in den westeuropäischen Ländern - Migration als ein vorübergehendes Phänomen an und hat Migration und Integration nicht langfristig und vorausschauend gestaltet. Kirchen und diakonische Organisationen haben immer wieder darauf hingewiesen, dass diese Fragen gesellschaftliche Schlüsselfragen geworden sind und einen Perspektivenwechsel erfordern.
  2. Die europäischen Staaten haben in den zurückliegenden Jahren viele Flüchtlinge aufgenommen. Kirche, Diakonie und viele Christen haben sich dabei sehr engagiert. Europa hat sich aber gleichzeitig auch mehr und mehr gegen die Aufnahme von weiteren Flüchtlingen abgeschirmt. Die Staaten der europäischen Union haben das Konzept der sicheren Drittstaaten zum Prinzip gemacht und die Länder Zentral- und Osteuropas in die Rolle von Pufferstaaten gedrängt. Wir haben uns als Kirchen und Diakonie dafür eingesetzt, dass die menschenrechtlichen und völkerrechtlichen Verpflichtungen nicht eingeschränkt oder abgebaut werden dürfen. Die Kommission der Kirchen für Migranten in Europa und andere Organisationen verfolgen deshalb die europäische Gesetzgebung aufmerksam und kritisch.
  3. Die Bevölkerung ist in vielen europäischen Ländern nicht ausreichend genug auf die kulturelle und religiöse Vielfalt vorbereitet. In manchen Ländern Europas gibt es Ressentiments oder offene Feindschaft gegenüber Menschen anderer Sprache und Herkunft oder gegenüber ethnischen Minderheiten. In unserer Arbeitsgruppe wurde bereits heute morgen darauf hingewiesen, dass es auch in den Kirchen Abwehr und Aggressionen gibt. Es ist ein langer und mühsamer Weg, für wechselseitiges Verständnis, Toleranz und Versöhnung zu arbeiten. Es gibt gute Projekte von Diakonie und Kirchen mit Migranten, es gibt eine lange Tradition von antirassistischer Arbeit, es gibt aber auch Rückschläge und Enttäuschungen.
  4. Die Zuwanderung von Christen aus anderen Ländern und mit anderen konfessionellen und kulturellen Prägungen ist eine in vielen Ländern neue Herausforderung für das ökumenische Zusammenleben. In den protestantischen Kirchen Italiens sind beispielsweise die Migranten in der eindeutigen Mehrheit. Dies bedeutet ganz neue ökumenische Herausforderungen.
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  6. Diakonie und Kirchen sind besorgt über die steigende Zahl von Menschen ohne Aufenthaltsstatus, die in besonderer Weise von Ausbeutung bedroht sind. Etliche von ihnen suchen kirchliche Hilfe; doch es ist oft nach dem Gesetz nicht erlaubt, ihnen zu helfen.

Die Terroranschläge in den USA haben tiefgreifende Auswirkungen auch auf diese Arbeitsfelder und auf das Zusammenleben mit Migranten, besonders solche aus muslimischen Ländern. Viele Menschen haben den Verdacht, dass einzelne Zugewanderte offen oder insgeheim Fanatismus und Terror unterstützen könnten. Die Universität Hamburg-Harburg, an der einer der Terroristen studierte, hatte bewusst Räume für den Kontakt und die Zusammenarbeit mit muslimischen Studenten zur Verfügung gestellt. Man fühlt sich missbraucht und in dem entgegengebrachten Vertrauen tief enttäuscht. Seit dem 11. September sind spontane und unbefangene Begegnungen sehr viel schwieriger.

Das Zusammenleben der Religionen, besonders mit Muslimen, ist von einem auf den anderen Tag zu einer zentralen Herausforderung geworden. Bei aller Betroffenheit und Neujustierung unseres Nachdenkens dürfen wir uns jedoch durch diese Ereignisse nicht beirren lassen für Menschen in Not und für ein gerechtes und Frieden förderndes Zusammenleben einzutreten.