CONFERENCE OF EUROPEAN CHURCHES
CONFERENCE DES EGLISES EUROPEENNES
KONFERENZ EUROPAEISCHER KIRCHEN


Der Stellenwert der Diakonie in der rumänisch-orthodoxen Kirche

Dr. Ion Vicovan

Ich möchte mich fuer die Einladung bedanken, auf das Thema Diakonie aus einer orthodoxen Perspektive Bezug zu nehmen. Mein Referat hat zwei Teile: I. Die biblische und patristische Grundlage der Diakonie und II. Die heutige Lage der Diakonie in Rumänien und besonders in Iassy.

I. Die biblische und patristische Grundlage der Diakonie

I. 1. Die Diakonie als Erfüllung von Gottes Geboten (Markus 12, 30-31): "Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft." Das andere ist dies: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Kein anderes Gebot ist grösser als diese beiden".

Das Liebesgebot richtet sich an alle Menschen. Darum spricht man in der Geschichte des Menschen, der unter die Räuber fiel, nicht von seiner Nationalität, seiner Hautfarbe, seinem sozialen Status oder Geschlecht, eben weil alle Menschen vor Gott gleich sind.

Alle Heiligen Väter, unter ihnen besonders der Heilige Basilius der Grosse und der Heilige Johannes Goldmund, zeigen, dass die Diakonie ihre Hauptgrundlage in der Herkunft aller Menschen von dem gleichen Schöpfergott hat. Alle Menschen wenden sich auch an Gott mit der gleichen Anrede "Vater"; und nicht zuletzt sei hier zu erwaehnen , dass Jesus für alle Menschen humane Gestalt hat. In dieser Perspektive wendet sich unsere Diakonie nicht nur an die Leidenden, Kranken oder Behinderten, sondern auch an alle Menschen mit Minderheitsstatus u.s.w.

Es wird vom Heiligen Basilius dem Grossen die Wichtigkeit eines guten Verständnisses des Liebesgebotes betont: "Derjenige, welcher Gott liebt, liebt auch seinen Nächsten", und "Wer mich liebt, der wird meine Worte halten" (Joh. 14,23) und "Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe"(Joh. 15,12).

I. 2. Die Diakonie als Gerichtskriterium (Matth. 25, 31-40)

"Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit und alle Völker werden vor ihm versammelt. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Dunn wird der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters , ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.

Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir angetan".

Der Heilige Antonius der Grosse aus der ägyptischen Wüste sagt zu diesem biblischen Wort, dass "Leben und Tod von unseren Nächsten abhängen. Wenn es uns gelingt, sie zu gewinnen, haben wir Gott gewonnnen. Wenn wir unsere Brüder ärgern, versündigen wir uns an Jesus".

Und der Heilige Gregor von Nyssa nennt die armen Leute "Pförtner des Himmelreiches". Daher folgt sofort die Warnung: "Verachtet nicht die armen Leute... Sie sind Gottes Ebenbild. Die armen Leute sind die Garantie unserer Hoffnungen, die Pförtner des Himmelreiches, die den Gläubigen das Tor aufmachen und vor den Bösen und eigennützigen (egoistischen) Menschen verschliessen".

Der Heilige Augustinus aus der Westlichen Welt behauptet im gleichen Sinn: "Wende deine Augen und deine Aufmerksamkeit den Hungernden, den Armen, Fremden und Nackten zu. Sie werden deine Verteidiger sein, wenn du sterben wirst. Höre darauf, was Gott sagt: Ich mache dir einen Vorschlag - dort (auf der Erde) sollst du mir geben, und ich werde dir hier zurückgeben; gib mir wenig, und ich werde dir viel zurückgeben; gib mir weltliche, irdische und ich werde dir himmlische Dinge geben; gibst du mir vergängliche Güter, werde ich Dir ewige geben".

Beim Letzten Gericht wird uns Gott nicht danach fragen, wie viel wir an ihn geglaubt oder wie viele Stunden wir gebetet haben - obwohl auch dies seinen besonderen Wert und seine Notwendigkeit hat - sondern Gott wird von uns Rechenschaft fordern über die Hilfsbereitschaft unseren Mitmenschen gegenüber.

I. 3. Die Diakonie als Mittel der Vollendung (Weg zur Vollendung)

Jesus wird in diesem Fall ein Vorbild für uns. Die Diakonie richtet ihren ganzen Einfluss sowohl an unsere Nächsten, als auch an die Leute, die dienen.

Die an unsere Mitmenschen gerichtete Diakonie ist nicht fomal, sondern könnte auch als Ergebnis des geistlichen Reichtums des Dieners betrachtet werden. Die Diakonie führt sowohl zur Eingliederung unserer Mitmenschen in die soziale Gemeinschaft als auch in die geistliche Gemeinschaft. Wir sind nicht Diener von Objekten bzw. wertlosen Personen, sondern Diener der "kleineren Brüder Jesu", von denen unsere Erlösung abhängt. Ein Diener, der seinen Mitmenschen mit Aufopferung und Hingabe dient ("Ist Jemand ein Amt gegeben, so diene er", Röm. 12,7), kommt zur Ähnlichkeit mit Gott, der ein Vorbild in dieser Hinsicht ist. "Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe" (Joh. 13,34).

Gottes Diener werden empfindsamer, verantwortungsbewusster, gläubiger. Das ist bei den im Bereich der Diakonie wirkenden Dienern bemerkbar, die im allgemeinen stärker im Glauben sind.

Gott hat nicht zufällig die Diakonie auf der Erde eingerichtet, sondern eben zu seiner Nachahmung. Viele kircnliche Väter lehren uns, dass Gott den Hilfsbedürftigen direkt helfen könnte, aber er zieht vor, dass wir ihnen helfen, das heisst gegenseitige Hilfe leisten.

In diesem Zusammenhang erinnern die kirchlichen Väter an das Beispiel aus dem Leben des Propheten Elias: Während einer Dürre ernährte Gott seinen Lieblingsdiener, indem er ihm einen Raben schickte, der ihn mit Brot und Fleisch versorgte. Später hat Gott ihn zu einer Witwe geschickt, die ihn ernähren sollte.

II. Die heutige Lage der Diakonie in Rumänien und besonders in Iassy

Nach den biblischen und patristischen Quellen beschäftigte sich die Orthodoxe Kirche von ihren Anfängen an mit dem philanthropischen Werk. So stehen die sogenannten bolnite (die ältesten Krankenhäuser, die mit Initiative und Hilfe der Kirche gebaut wurden) und Waisenhäuser unter der Obhut der Kirche.

Die rumänisch-orthodoxe Kirche hat immer auch philanthropische Aktivitäten gehabt, weniger in der kommunistischen Zeit. Das soziale Fürsorgesystem wurde zum Staatsmonopol, das direkt vom rumänischen Staat geführt und kontrolliert wurde. Dennoch hat die Kirche nach der Wende von 1989 ihre philantropische Berufung als Bestandteil, als Glaubensbekenntnis und Praktikum der heiligen Liebe gegenüber ihren Mitmenschen wiederendeckt.

Während der kommunistischen Regierungs war die Kirche vor die Herausforderung gestellt, ihre soziale Arbeit neu zu begründen: mit den Aspekten des Glaubens an Gott und des Gebotes der Nächstenliebe als eine Bedingung der Erlösung und des ewigen Lebens (Math. 25, 37-40).

In diesem Sinne arbeitete das rumänische Patriarchat "das Konzept des sozialen Fürsorgesystems" aus. So enstand beim rumänischen Patriarchat die grosse Abteilung "Kirche und Gesellschaft", in jeder Diözese ein Diakoniesektor, in jedem Priesteramt und in jeder Gemeinde je ein soziales Fürsorgebüro. Zum gleichen Zweck kooperieren die rumänisch-orthodoxe Kirche und andere Kirchen in Rumänien, z.B. bei der Gründung von theologischen Fakultäten mit mehreren Fachrichtungen (besonders im Bereich Soziale Fuersorge/Diakonie). Damit wird die Kirche befähigt, zur sozialen Erneuerung Rumäinens beizutragen. Neben der Einrichtung von sozialen Abteilungen, Büros oder der Ausarbeitung vom Handlungsstrategien für das soziale Fürsorgesystem hat die orthodoxe Kirche eine bedeutende Zahl von sozialen Institutionen und Fürsorgediensten für alle sozialen Kategorien (wie z.B. Kinder, Behinderte, alte und arme Menschen) geschaffen.

Nach einer älteren Statistik von 1998 gibt es im Wirkungsbereich des rumänischen Patriarchats 16 Kinderheime, 7 Altenheime, mehrere sozial-ärztliche Praxen, soziale Kantinen usw. Darüber hinaus gibt es philanthropische Programme wie kostenlose Nachhilfestunden, Schulstipendien, Schülerferienlager und Pilgerschaften, Kindergärten, kostenlose ärztliche Behandlungen und Medikamentenabgabe, Hilfen für alleinstehende ältere Menschen usw. Weiterhin wirken unter dem Patronat der rumänisch-orthodoxen Kirche mehr als 14 Vereinigungen mit ihren Filialen und Stiftungen für einen sozial-barmherzigen Zweck. In neuerer Zeit sind 18 weitere Projekte für Kinder, Kranke und arme Leute usw. entstanden. Nach einer Statistik von 1998 aus der Diozese Iassy arbeiten 20 soziale Fürsorger und 14 Prieser mit gleichem Zweck; so gibt es jetzt 3 Bäckereien, 3 Kantinen für arme Leute, 1 ärztliche Praxis für Stomatologie, 1 Heim für Strassenkinder, 1 Diagnosezentrum und 1 Altenheim. Gleichzeitig haben mehrere nationale und internationale Symposien zu Themen der sozialen Füsorge und des interkonfessionellen Dialogs stattegefunden. Ziel dieser Symposien ist die Förderung der Zusammenarbeit aller Konfessionen in Rumänien und die Intensivierung des Dialogs und der Kooperation im Bereich der sozialen Fürsorge.

Wenn die ökonomische und die soziale Krise von einer geistig-moralischen begleitet werden, werden die soziale Erneuerung und die Überwindung der vorhandenen Schwierigkeiten in der Gesellschaft noch schwieriger. Darum ergriff die rumänisch-orthodoxe Kirche als Mehrheitskirche die Initiative, mit allen Konfessionen in Rumänien gemeinsam die notwendigen Strategien zur Zusammenarbeit auszuarbeiten. Durch ihre Teilnahme an theologischen Dialogen wie in ihrer Mitarbeit in der ökumenischen Diakonie bekräftigt die rumänisch-orthodoxe Kirche ihr ökumenisches Engagement. Mit anderen Worten, die rumänisch-orthodoxe Kirche erfüllt dadurch ihre Berufung als Dienerin aller Menschen, und dadurch Gottes; denn "was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir angetan".