Pfarrer Jürgen Gohde
Präsident des Diakonischen Werkes
der Evangelischen Kirche in Deutschland
Unbezahlbare Würde - Diakonie im Wandel gesellschaftlicher Risiken
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Schwestern und Brüder!
Zwei Erfahrungen, die die Sicherheit der Menschen in Europa weitgehend erschüttert haben, stehen am Anfang dieser Einführung. Sie betreffen das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt und zu seinen Mitmenschen - und insoweit auch zu Gott.
Ich nenne zuerst die Erfahrung der BSE- und Maul- und Klauenseuche Krise. Ihre Ikone heißt Meeth.
Wissen Sie, wo Meeth liegt? Meeth oder besser Ash Moor bei Meeth in England? Vor 9 Monaten hat keiner Meeth gekannt. In Ash Moor sind nahezu 500.000 Kadaver der Maul- und Klauenseuche endgelagert worden. Meeth, das ist das Gorleben der Maul- und Klauenseuche. Vielleicht wird man später einmal sagen, das ist das englische Solutré in Burgund. Dort wurden aus der Steinzeit 100 000 Pferde gefunden. Die Archäologen fragen: Was war da los? Wurden die Tiere geopfert?
20 Jahre lang wird der chemische Zersetzungsprozess in Meeth dauern. Vor wenigen Monaten sind die ersten Pest-Karawanen dort angekommen, um die die Tierkadaver zu bringen. Jetzt kann man in Meeth den Tod riechen. Meeth und Gorleben, man könnte auch jeden anderen Namen einsetzen, ist Ausdruck eines nicht sorgfältigen und liebenswerten, sondern menschenvergessenen und gottvergessenen Umgangs mit den Ressourcen des Lebens, mit Frieden und Schöpfung, Solidarität, Recht und Gerechtigkeit. Nur der Profit zählt! Wie kann man diese Entwicklung unterbrechen? Was ist zu tun? Wer lebt auf wessen Kosten? Was dient dem Leben? Die Globalisierung ist nie Gemütlichkeit, die Opfer sind sichtbar, die Ausgegrenzten des Spiels warten auf das Leben, die Kinder, die Alten, und auch die Kunden, die nicht die notwendige Souveränität besitzen.
Ich denke zweitens an die zerstörten Türme des World Trade Centers, an denen die Verletzlichkeit und die Verwundbarkeit des weltlichen wie des globalen Lebensstils deutlich geworden sind. Eine auf den großen Freiheiten des Marktes, des Reiseverkehrs usw. basierende Wirtschaftsordnung braucht ein Korrektiv in Solidarität und Gerechtigkeit, andernfalls wird Stärke Gewalt und schafft Ausbeutung, Intoleranz und Selektion.
Wie auf diese Erfahrungen reagieren?
Mit Stärke ohne Umkehr oder mit dem Versuch einer globalen Verständigung über ein konsensfähiges Menschenbild, das eine der Praxis der Menschenwürde entsprechende Lebensweise zur Folge hat? Es ist nötig zu fragen : woher dieser Hass? Die Opfer dürfen nicht umsonst gestorben sein ?
Die Frage stellen heißt, den Kontext ernst nehmen: Vor der Bundesversammlung des Internationalen Währungsfonds hat Václav Havel am 19. 09. 2000 eine neue Weltethik und eine alle Menschen verbindende Moral gefordert: „Da die heutige Zivilisation erstmals in der Geschichte der Menschheit in ihrem Kern atheistisch sei, fehle jede Beziehung zum Ewigen und Unendlichen ... Deshalb fehlt nicht nur die Rücksichtsnahme darauf, was nach uns kommt, sondern auch das Gemeinwohl."
(FAZ 16. 09. 2000).
Damit ist die eine Herausforderung abgesteckt: Christen und Juden sowie Menschen, die aus der französischen, humanistischen Tradition der Aufklärung ihre Orientierung nehmen, müssen einen Dialogprozess um das ethisch Verbindende in der Gesellschaft in Gang bringen. Nach den Ereignissen von New York muss allerdings eine weitere Frage beantwortet werden: Wie gehen wir mit der Tatsache um, dass Religionen soziale und politische Gestaltungskräfte sind, die nur im Miteinander, im Wissen um die Tatsache, dass sie Erscheinungsformen des Hervortreten Gottes in Zeit und Raum sind, ihre besten Kräfte entfalten und damit diakonisch und nicht gewaltsam werden. Es ist Emanuel Levinas gewesen, der auf diese Gefahr hingewiesen hat: „Gewalt steckt nicht nur im Herren, der den Sklaven misshandelt, in einem totalitären Staat, der seine Bürger erniedrigt, in der kriegerischen Eroberung, die Menschen knechtet. Gewaltsam ist jede Handlung, bei der man handelt als wäre man allein: als wäre der Rest des Universums nur dazu da, die Handlung in Empfang zu nehmen; gewaltsam ist folglich auch jede Handlung, die uns widerfährt, ohne dass wir in allen Punkten an ihr mitwirken." (E. Levinas, Schwierige Freiheit, Jüdischer Verlag, 1996).
Es ist nötig, der Frage nach der Menschenwürde nachzugehen. Auf europäischer Ebene hat man dieses versucht im Zusammenhang mit der Erarbeitung der EU-Grundrechtscharta.
„(Art. 1) Würde des Menschen. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie ist zu achten und zu schützen
Die Würde des Menschen ist nicht nur ein Grundrecht an sich, sondern bildet das eigentliche Fundament der Grundrechte. Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 verankert diesen Grundsatz in ihrer Präambel:
'... da die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet.' "
Aus der Würde des Menschen ergibt sich das Recht auf Leben. (Art. 2) Diese haben wir zu schützen, zu verteidigen.
1. Menschenwürde und Menschenbild
Ohne die Verständigung über das Menschenbild bleibt die Diskussion um die Unantastbarkeit der Würde antastbar. Sie greift zu kurz.
So wie die Würde des Menschen die Norm einer interpersonalen Lebensqualität beschreibt ist diese Norm nur festzuhalten in der Orientierung am Menschenbild der Rechtfertigung. Diakonie ist Auslegung des Rechtsfertigungsgeschehens im sozialen Kontext.
Fundamentale ethische Normen sind nicht eindeutig. Sie müssen kulturell erklärt werden. Das gilt auch für die in der Diakonie und Kirche häufig als Argument in Anspruch genommene Menschenwürde: Menschenwürdig pflegen, menschenwürdig sterben, die Menschenwürde muß geschützt werden, wo Menschen unter unwürdigen Bedingungen in Armutslagen und Konfliktsituationen leben. Die Menschenwürde dient als Argument gegen die Selektion.
Wie tragfähig ist das Argument mit der Menschenwürde angesichts der ethischen Grenzverschiebungen im öffentlichen ethischen Diskurs? Meine These ist, dass die Diakonie aufgrund ihrer vielfältigen Erfahrungen mit Menschen in den unterschiedlichsten Lebenslagen eine christliche Interpretation der Menschenwürde bereithält, die einen wesentlichen Beitrag zur Ausgestaltung der Menschenwürde bietet, die im Sinne der Unverfügbarkeit des individuellen Lebens formuliert ist.
Die Menschenwürde ist kein genuin christlich-biblischer Begriff. Dignitas - Würde stammt aus der griechischen Philosophie. Die besondere Würde des Menschen wurde in der Antike durch die menschliche Fähigkeit zur Vernunft, zur Selbstreflexion und moralischen Reflexion begründet - also gerade mit den besonderen Fähigkeiten, die den Menschen über das Tier erheben. Das Besondere, nicht das Unvollkommene ist dann Inbegriff der Würde. In diesem Zusammenhang wird der Begriff auch in der Aufklärung verwendet. Es ist nach Immanuel Kant die Vernunft des Menschen und sein sittliches Vermögen, die es verbieten, den Menschen zu einem bloßen Mittel für die Interessen anderer zu degradieren
In den christlichen Kirchen wurde seit dem Mittelalter die abendländische Philosophie mit der biblischen Rede von der Gottebenbildlichkeit des Menschen verbunden. Der Mensch besitzt Würde, weil er einerseits Geschöpf Gottes ist und andererseits als Ebenbild Gottes mit der Gestaltung seiner Umwelt beauftragt ist. Dieses begründet, warum Menschen nicht zum Zwecke anderer mißbraucht werden dürfen. Die gemeinsame Geschöpflichkeit begründet Schutz- und Hilfsanprüche gleichermaßen. Als Geschöpf kommt jedem Menschen untrennbar Würde zu und zwar nicht aufgrund eigener Leistungen, sondern aufgrund der Beziehung des Schöpfers zum Geschöpf. Die Unantastbarkeit der Würde - und das ist das besondere der biblisch-christlichen Interpretation - wird nicht aus den natürlichen Begabungen des Menschen oder der Natur der Gattung homo sapiens begründet, sondern aus Gottes Beziehung zum Menschen. Sie erweist sich nicht nur im Akt der Schöpfung, sondern wie der deutsche Theologe Rainer Anselm überzeugend gezeigt hat, auch in seiner rechtfertigenden Beziehung zu seinen unvollkommenen sündhaften Geschöpfen.(1) Wer tagtäglich mit Menschen in all ihrer Zerbrechlichkeit und Aggressivität, in den verschiedenen Pflege- und Beratungssituationen zu tun hat, dessen Bild vom Wesen des Menschen wird sich dahingehend intensivieren, zu begreifen, dass Wert und Würde des Lebens darin liegen, dass alle Menschen gleichermaßen Gottes Versöhnung und Liebe benötigen. Wir sind angewiesen auf Gottes bleibende Beziehung, wir sind aufeinander als Mitmenschen angewiesen. Unsere Würde begründet sich nicht aufgrund unserer Leistungen. Wenn wir diesen Maßstab ansetzen - das ist der Kerngehalt reformatorischer Theologie - dann versagen wir alle vor Gott und unseren Mitmenschen. Unsere Würde begründet sich durch den liebenden und rechtfertigenden Blick, mit dem Gott uns ansieht und mit dem wir uns hoffentlich auch gegenseitig ansehen.
Jeder Mensch besitzt Würde unabhängig von seinen körperlichen und geistigen Merkmalen. Wo menschliches Leben aufgrund solcher Merkmale selektiert wird, ist die von Gott geschenkte Würde bedroht. Wo die Würde eines Menschen bedroht ist, da wird nach christlicher Auffassung nicht nur eine universale Norm verletzt, sondern: Mit der Infragestellung der Würde sind fundamentale Beziehungen unseres Lebens tangiert: Die Beziehung zwischen Gott und seinen fehlbaren Geschöpfen und die Beziehung der Menschen untereinander, die Auffassung, dass jeder Mensch einen Wert in sich selbst besitzt und nicht für die Interessen anderer verzweckt werden darf. Dazu gehört die Vorstellung, dass die Würde unverrrechenbar und unverlierbar ist, ‚über allen Preis erhaben' wie Kant formuliert hat.(2) Würde gilt als unteilbar, sie muß als zerbrechliches Gut geschützt werden.
Meine These ist, dass es politisch angesichts der ethischen Destabilisierungen geboten ist, den Diskurs über die Würde des Menschen im Sinne des christlichen Menschenbildes aktiv zu gestalten. Aktiv d.h. auch in Abgrenzung gegen utilitaristische Tendenzen. Wo es um die Würde geht, gibt es eine Grenze der Interpretationsfähigkeit und auch eine Grenze des offenen Diskurses.
„Die freiheitliche Ordnung mag deshalb insoweit als multikulturell bezeichnet werden, als im festgefügten Werte- und Ordnungsrahmen des Grundgesetzes sich verschiedene Kulturen entfalten können. Wollte man das Stichwort der Multikulturalität hingegen als einen Wettbewerb gegenläufiger Kulturen deuten, dessen Ergebnis sich der nur beobachtende Staat zu eigen machte, so wäre die Freiheitlichkeit grundlegend mißverstanden. Der freiheitliche Staat ist kulturoffen, solange er sich seiner eigenen Werte und Ordnungsprinzipien gewiß ist."(3) Was für die Multikulturalität im Staate gilt, gilt auch für die disparaten ethischen Diskurse.
2. Unbezahlbare Würde
Würde ist eine interpersonale Qualität, die nicht verrechenbar ist. In den modernen Ökonomien besteht eine Tendenz, Menschen und Dinge unter ihrem merkantilen Wert zu betrachten und zu instrumentalisieren.
Wenn man aus ökonomischen - oder anderen - Gründen die Würde des Menschen mindert - sei es einzelner, behinderter oder ungeborener Menschen -, mindert man die gesamte Humanität der Gesellschaft. Würde ist ein Beziehungsgeschehen, in dem der Einzelne nicht losgelöst leben und agieren kann. Die Zuschreibungen von würdig und unwürdig, lebenswert- und unwert, sind Zuschreibungen, die letztlich auf die gesamte Gemeinschaft zurückwirken. Lebensrecht wird in Frage gestellt, Beziehungsräume werden verzweckt, die ‚Freiräume der Liebe' (wie Norbert Blüm in einem Interview gesagt hat) werden kleiner, Lebensqualität jenseits der Leistungskategorien werden unsichtbar. Der unbezahlbare Wert der Würde liegt darin, dass er ein Bollwerk gegen die Verzweckung, Ökonomisierung und Instrumentalisierung des Lebens ist.
3. Menschenwürde im Kontext diakonischer Arbeit
Es geht im Kontext diakonischer Arbeit darum, die Würde des Menschen in der Bruchstückhaftigkeit des Lebens zu erkennen und zu verteidigen. Diakonie hat die Aufgabe, die Angewiesenheit auf die Liebe Gottes, die Fragmentarität menschlichen Lebens als konstitutives Wesensmerkmal im eigenen und fremden Leben deutlich zu machen und das Bewußtsein dafür zu erhalten. Allen phantastischen Träumen von Unabhängigkeit und Vollkommenheit zum Trotz macht ihr Tun Gottes Liebe in der Gebrochenheit menschlichen Lebens und im Stückwerk menschlichen Handelns deutlich. Jedes Leben ist verletzbar, begrenzt und schwach und gerade darin Gott ebenbildlich.
Zur Wahrung der Würde des Menschen in seiner Bruchstückhaftigkeit gehört die Bemühung, Marginalisierung und Ausgrenzung von einzelnen Menschen zu verhindern, ihre Lebenschancen durch integrative Gemeinschaften zu stärken. Deshalb ist es nötig, ihre Ressourcen und Möglichkeiten zu sehen, statt ihre Defizite zu zeichnen und sie als Last zu begreifen. Besonderes Augenmerk legen wir Christinnen und Christen deshalb auf den rechtlichen Schutz der Würde des Kindes, des alten, behinderten und kranken Menschen, also die Wahrung der Rechte und der Würde derjenigen, die sie nicht oder nur begrenzt selbst einfordern können.
4. Unter veränderten Bedingungen
Unsere Gesellschaft verändert sich. Wir können den Wandel nicht aufhalten, wir haben ihn zu gestalten. Lassen Sie mich die Herausforderung, vor der wir stehen, aus der Sicht eines historischen Beispiels erläutern. Im 16. Jahrhundert sitzen in Krakau Polen und Litauer zusammen und überlegen, ob sie ihre damalige Union um einen Dritten erweitern sollen, nämlich die Kosaken. Sie sind zu dem Ergebnis gekommen, der harte Kern der beiden reiche aus; einen weiteren Konkurrenten könne man nicht gebrauchen. Etwa 50 Jahre später bricht ein Kosakenaufstand los, der die polnisch-litauische Union zugrunde richtet. Diese Union hatte sich über 400 Jahre als lebensfähig erwiesen, aber sie war nicht entwicklungsfähig. Dieses Beispiel, das ich A. Krzeminski, einem polnischen Publizisten verdanke, erläutert das Problem. Sind wir entwicklungsfähig, fähig für den Wandel? Ich nenne die wichtigsten Faktoren der Veränderung, die Chancen und Risiken beinhalten.
Arbeitslosigkeit
Arbeitslosigkeit ist hinsichtlich der Ausgrenzungsproblematik das zentrale soziale Problem in Europa, nicht nur regional oder temporär, sondern strukturell.
Lebenslagen
Kinder sind ein Armutsrisiko. Das Problem der Kinderarmut und der Straßenkinderproblematik ist ein deutliches Zeichen dafür, daß wir in Europa über die Bewältigung der aktuellen Wirtschafts- und Finanzprobleme in Gefahr sind, die Interessen der nachwachsenden Generation aus dem Auge zu verlieren. Beruf und Familienleben müssen sich vereinbaren lassen. Wir brauchen eine aktive Familienpolitik, die die Entfaltungsmöglichkeiten von Kindern und Chancengleichheit und auch die Lebenslagen der älteren Menschen fördert. Die Zahl der Alten nimmt zu. Meine These ist : Wir brauchen eine lebensweltlich orientierte diakonische Arbeit, die von der Gleichheit der Ungleichen ausgeht, in der Verschiedenheit normal.
Individualisierung
Individualisierung und Vereinzelung bestimmen schon heute die Rahmenbedingungen des Zusammenlebens. Die Privatisierung von Lebensrisiken nimmt zu. Damit werden neue soziale Ressourcen herausgefordert. Wie gehen wir mit den klassischen um, den Familien, den Ehrenamtlichen etc.?
Migration
Migration ist ein zentrales diakoniepolitisches Thema der nächsten Jahre. Deutschland zum Beispiel ist seit langem ein Einwanderungsland. Es stellen sich Fragen: Was bedeutet diese Entwicklung für die Gestaltung und den Umfang der sozialen Dienstleistungen? Interkulturelle Öffnung und Kooperation sind angesagt, die Berücksichtigung bei der Ausbildung, bei der Entwicklung der Strukturen sozialer Dienstleistungen. Wir benötigen auf breiter Ebene einen Dialog der Religionen.
Europäische Dimension
Auch wenn es keine europäische Sozialpolitik gibt, müssen wir im europäischen Kontext denken und agieren. Europa ist nicht allein ein wirtschaftlicher, sondern zugleich ein kultureller und sozialer Zusammenhang. Deshalb steht nicht nur die Freiheit von Markt und Dienstleistungen auf der Agenda, sondern auch der Kampf gegen soziale Ausgrenzung. Wettbewerb muss geregelt werden. Märkte sind aus sich heraus blind, sozial wie ökologisch.
Ethische Steuerung
Der Paradigmenwechsel der sozialen Arbeit hat stattgefunden: Die Tendenz zeigt klar: Mehr Markt, mehr Wettbewerb - mehr Chancen, mehr Risiken, mehr Marktversagen. Fragen der Steuerung und der Gewinnung von Ressourcen finden neue Aktualität. Was ist zu tun, wenn betriebswirtschaftliche Steuerungsmittel nicht mehr ausreichen? Wenn z. B. die Anschaffung einer Antidekubitusmatratze nicht alleine ein finanzielles Problem ist, sondern die Frage nach der Lebensqualität stellt. Ethische Probleme brechen nicht nur an den Grenzen finanzieller Ressourcen auf, sondern zugleich an den Grundfragen des Lebens, etwa eines menschenwürdigen Sterbens, der Wirklichkeit des therapeutischen Klonens oder der Genforschung.
Was wir brauchen:
1. „Rückkehr der Politik"
Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder hat in einem Artikel für die Süddeutsche Zeitung ("Die zivile Bürgergesellschaft"- SZ vom 24.03.2000) die "Rückkehr der Politik" gefordert.
"Die Politik (muß) sich dafür auf ihre zentralen Aufgaben besinnen und die lauten nicht nur: den geschäftlichen und sozialen Verkehr durch Recht und Gesetz zu regeln, sondern auch Antworten auf die Hoffnungen und Ängste der Menschen zu suchen... wie sollen wir in Zukunft Gerechtigkeit und Beteiligung, Solidarität und Innovation erreichen, wie gestalten wir eine lebenswerte Gesellschaft, die nicht ausgrenzt und in der die Fähigkeiten aller am besten zur Geltung kommt? Wie die Initiative fördern, die Schwachen schützen und die Stärkeren zu ihren Beitrag ermuntern?" (G. Schröder, a.a.O.).
2. Kompetenzzentren und -prozesse der Nächstenliebe : auf dem Weg zu einer europäischen Akademie
Wir brauchen Kompetenzzentren der Nächstenliebe - in der Form neuer sozialer Initiativen, Kirchengemeinden, christlichen Netzwerken, Vereinen, Stiftungen, Einrichtungen. Wir brauchen ein funktionierendes Netzwerk für Fragen der Qualifikation und Ausbildung. Wir brauchen eine gemeinsame europäische Akademie.
3. Eine breite Diskussion um eine europäische Verfassung
Die Europäische Grundrechtecharta ist Ausdruck des gemeinsamen Willens der Europäischen Staaten, sich für politisches Handeln gemeinsame Werte und damit eine gemeinsame ethische Richtschnur zu geben.
4. Kampf gegen Armut und soziale Ausgrenzung
Wir werden uns weiterhin in den europäischen Diskussionsprozeß um die Bekämpfung der Sozialen Ausgrenzung einbringen. Soziale Eingliederung ist nötig. Die Europäische Kommission hat als Motor gewirkt. Die EU hat in Lissabon das Tor geöffnet , durch das die soziale Dimension in die europäische Politik hineintritt.
Die Sozialpolitik darf nicht in Urlaub gehen, wir dürfen nicht nach würdigen oder unwürdigen Armen unterscheiden, es müssen Ziele der Armutsbekämpfung benannt und eine Umsetzungsagenda erarbeitet werden. Wir brauchen eine aktive soziale und kulturelle Infrastrukturpolitik
Der Auftrag bleibt
Der Auftrag der Diakonie bleibt. Es ist ein Auftrag in Wort und Tat, "dazwischen zu gehen" als Konsequenz des Evangeliums und damit eine andere Wirklichkeit darzustellen, dieser Welt nahe zu sein mit der Menschenfreundlichkeit Gottes. Es geht um die soziale Kommunikation des Evangeliums, sowohl in materieller wie in immaterieller Sicht.
Diakonie ist das Kennzeichen einer wachstumsbereiten Kirche, die sich glaubwürdig den Menschen gegenüber verhält. Wachsen in guten Zeiten kann jeder. Der Bedarf an Diakonie war noch nie so hoch wie heute.
Herzlichen Dank!
***************(1) R. Anselm, a.a.O.
(2) Vg. A. Pieper, Menschenwürde. Ein abendländisches oder ein
universelles Problem, in: E.Herms (Hg.), Menschenbild und
Menschenwürde, a.a.O., 19ff (Zitat s. 20).
(3) P. Kirchhoff, in: E. Herms, a.a.O., 165.